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18.09.2017 -

Frauen in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Einleitung

Frustrierend und fast empörend: So reagierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Frühjahr auf die Ergebnisse der Studie „Frauen in Kultur und Medien“: erarbeitet vom Deutschen Kulturrat, von ihrer Behörde gefördert. Danach sind Frauen in der Kultur- und Medienbranche nach wie vor unterrepräsentiert, in Jurys und Gremien, vor allem aber in Chefetagen: 80 Prozent aller Bühnen-Intendanten und 98 Prozent aller Chefredakteure in Deutschland sind Männer. Auch bei der Präsenz auf dem Kunstmarkt oder der Nutzung von Fördergeldern gehe es bei weitem nicht paritätisch zu. Ebenso frustrierend sei, dass Frauen als Journalistinnen, als Künstlerinnen, als Kreative immer noch deutlich weniger verdienen als Männer, im Durchschnitt 24 Prozent weniger. Vor allem bei Freiberuflern klaffe der sogenannte Gender Pay Gap: Künstlerinnen verdienen 33 Prozent weniger als Künstler. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt war der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen über alle Branchen „nur“ um 21 Prozent niedriger als der von Männern.

Als im Sommer 2016 Maren Ade mit Toni Erdmann als erste Frau fünf Europäische Filmpreise gewann, sei das bei vielen so aufgenommen worden wie ein Regenguss nach langer Dürre, schrieb damals der Berliner Tagesspiegel. Der deutsche Film war wieder da. Und zusammen mit ihm eine deutsche Filmemacherin. Dass der Film und seine Regisseurin im Rennen um den Auslands-Oscar dann leer ausgingen, konnte diese Freude kaum trüben. 

Diversitätsberichte des Bundesverbands Regie e.V.

Die bisherige Statistik bietet dagegen kaum Anlass zur Freude: Homöopathische 11,9 Prozent der Erstausstrahlungen im Abendprogramm des ZDF wurden 2015 von Frauen inszeniert. Im Kino, das sich im Toni-Erdmann-Jahr wieder auf der Berlinale feierte, war es kaum anders: Männerparty, Frauenanteil 15,7 Prozent, so der Tagesspiegel weiter.

Dass man das inzwischen überhaupt weiß, ist der Verdienst der Diversitätsberichte des Bundesverbands Regie e.V. Der hat 2014 erstmalig nachgezählt, ob die Schieflage bei den Geschlechtern im Filmbusiness tatsächlich so schlimm ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Seither weiß man: Sie ist sogar noch schlimmer. Nach einer umfangreichen Datensichtung des Berliner Tagesspiegel in den Jahresberichten der der nationalen und regionalen Filmförderungen (siehe „Niedrige Drehzahl“ in der Ausgabe vom 11.2.17) gab es im Jahr 2015 176,1 Millionen Euro Filmförderung für 633 Filme von Männern, 42,5 Millionen für 223 Filme von Frauen. 

Damit, so kommentiert der dritte Regie-Diversitätsbericht die Lage, zementiere sich das Bild eines vor allem von Männern geprägten Berufsstandes, obwohl an den staatlichen Filmhochschulen seit den 1990er Jahren mehr als 40 Prozent Frauen ausgebildet werden. Auf Nachfrage des Tagesspiegel geben Regisseurinnen nur anonym darüber Auskunft, wie sie sich 15 Jahre erfolglos für eine Krimiserie beworben haben. Man hört erklärende Sätze wie: „Frauen, die es nach oben schaffen, sind dafür so dankbar, dass sie dafür auch weniger Geld verlangen.“ „Man darf die Dinge nicht persönlich nehmen“, heißt es auch. Oft richteten sich die Personalentscheidungen der Medienverantwortlichen nicht einmal explizit gegen die Frauen. Produzenten wählten halt diejenigen, mit denen sie schon immer gut zusammengearbeitet haben: eben Männer. 

Studie des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock:

 „Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“

Die detaillierte Analyse von über 3.000 Stunden TV-Programm aus dem Jahr 2016 und über 800 deutschsprachigen Kinofilmen aus den letzten sechs Jahren hat ergeben: Frauen kommen in deutschen audiovisuellen Medien seltener vor. Über alle

Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer. Bei den Fernsehvollprogrammen kommt ein Drittel der Programme ganz ohne weibliche

Protagonistinnen aus (zum Vergleich: nur 15 Prozent ohne männliche Protagonisten). Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor. Es gibt allerdings eine Ausnahme: In Telenovelas und Daily Soaps ist die Geschlechterverteilung in Deutschland paritätisch. Nebenbei: Initiiert hat die Untersuchung die Schauspielerin Dr. Maria Furtwängler, auch bekannt als Tatortkommissarin Lindholm. 

Monitoring zu ausgewählten Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft 2016

Exakt ins Bild passen hier die Ergebnisse des „Monitorings zu ausgewählten Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft" aus dem Jahr 2016. Es hat ermittelt, dass im Jahr 2015 nur 39,2 Prozent der Erwerbstätigen in der deutschen Kultur- und Kreativwirtschaft Frauen waren. Bei den Selbständigen liegt der Frauenanteil mit 41,5 Prozent in der Kultur- und Kreativwirtschaft zwar etwas höher. Allerdings ist sowohl bei den Selbständigen als auch bei den abhängig Beschäftigten der Frauenanteil im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Aber: Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft liegt der Frauenanteil bei den Selbständigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft deutlich über dem gesamtwirtschaftlichen Niveau von 33,2 Prozent im Jahr 2015, so das Institut für Mittelstandsforschung Bonn. 

Ein Blick auf die Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft zeigt, dass sich Frauen insbesondere als Übersetzerinnen und Dolmetscherinnen selbständig machen (68,4 Prozent), zudem als Schmuck-, Gold- oder Silberschmiedinnen (65,8), mit Architektur- und Ingenieurbüros (65,1), in Bibliotheken, Archiven, Museen, botanischen Gärten (64,8) oder mit Ateliers für Textil- oder Schmuck-Design (52,3). Wie sieht es dagegen in den Vorzeigebranchen Film und Games aus? Die folgenden Kapitel versuchen, Antworten auf diese Frage zu geben.

In Film und Fernsehen sei es so, wie im Leben ansonsten auch, sagt Prof. Susanne Stürmer: Je höher in den Hierarchien, desto geringer der Frauenanteil. Susanne Stürmer ist Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Aber: „Wenn wir uns die Ausbildung – und für die stehe ich ja als Präsidentin einer großen Filmhochschule – angucken, dann sehen wir, hier sind die Frauen nicht unterrepräsentiert. Vielmehr ist es so, dass wir bei den Studierenden wirklich ein Pari-Pari-Verhältnis haben. Das unterscheidet sich jedoch immer ein bisschen nach Studiengängen. Es gibt welche – und das sind klassisch die eher technischen Studiengänge –, in denen wir weniger Frauen haben als Männer.“ 

Für mehr Gendergerechtigkeit zu sorgen, fange dabei bei den Lehrenden an. „Es ist ein erklärtes Ziel, dass wir den Anteil der weiblichen Lehrenden vergleichbar halten mit dem männlichen. Das gelingt noch nicht immer, muss man leider klar sagen. Im akademischen Mittelbau haben wir ungefähr ein hälftiges Geschlechterverhältnis. Bei den Professorinnen und Professoren ist es anders. Da ist das Verhältnis 30:70, ähnlich wie an den meisten anderen Hochschulen auch.“ 

Darüber hinaus sei man an der Filmuniversität bestrebt, den weiblichen Studierenden ein gutes Rüstzeug für die Praxis mitzugeben. So hat man, zusammen mit einer Absolventin, die sich auch in ihren Filmen sehr für das Thema „Frauen in der Film-Branche“ engagiert hat, ein Programm „Into the Wild“ gestartet, gemeinsam mit allen großen Filmhochschulen bundesweit. „Das ist im Grunde ein Netzwerkprogramm für Studierende in den letzten Jahren ihres Studiums oder in der ersten Zeit danach. Im Kern ist es ein Drehbuch-Workshop, an den sich diverse Weiterbildungs- und Coachingveranstaltungen anschließen. Immer entlang der Fragestellung: Wie präsentiere ich mich als Frau in dieser Branche, in dem Beruf? Wie vermeide ich typische Frauenfallen? Wie baue ich mir ein tragfähiges Netzwerk aus?“ 

Unter typischen „Frauenfallen“ versteht Susanne Stürmer dabei einerseits eine tendenziell geringer ausgeprägte Neigung zur Selbstdarstellung und zur Netzwerkbildung. „Andererseits kommt eine Besonderheit der Branche dazu: die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Wenn es denn darum geht, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, dann sind es doch eher die Frauen, die an der Stelle zurückstecken und ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können.“

Frauenförderung in Medienunternehmen – ein Programm der Filmuniversität

Erforderliche Verbesserungen im Personalmanagement von Medienunternehmen anzuschieben: Das ist ein Ziel des Programms sparkx, dass die Filmuniversität über ihr Erich Pommer Institut im Rahmen ihres Gründerservice anbietet. „Das ist eine Weiterbildung für Unternehmen der Branche. Firmen entsenden Frauen in dieses vom Europäischen Sozialfonds geförderte Programm, denen wir dann ganz gezielte Skills vermitteln: Präsentation, Selbstvermarktung, individuelle Karriereplanung, persönliche Prioritätensetzung. Dabei geht es einerseits um diese Frauen, andererseits, sozusagen im Tandem, wird aber auch ein Personalverantwortlicher oder eine Personalverantwortliche dieser Firmen in dieses Programm entsandt, um zu lernen: Was sind denn eigentlich gender-gerechte Personalentwicklungsinstrumente? Ich halte das für besonders wichtig. Denn ich kenne fast keine Firma in der Branche – und ich kenne relativ viele –, die hier schon richtig systematisch und professionell arbeiten würde.“

Für besonders erachtet übrigens auch der Gründungsradar des Stifterverbandes den Gründungsservice der Filmuniversität. Er hat ihn zum besten Gründungsservice deutschlandweit - unter den kleinen Hochschulen bis 5.000 Studierende – gekürt

. Bei allem Stolz über diese Auszeichnung: Es gibt noch viel zu tun, so Susanne Stürmer: „Vor allem die Frauen noch stärker für unsere technischen Studiengänge zu begeistern und sie zu rüsten, um in der Berufstätigkeit in gleichem Maße voranzukommen wie die Männer.“

Wo mehr Technik, da weniger Frauen: Zu diesem Schluss kommt auch das „Monitoring zu ausgewählten Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft“ 2016: „Software- und Games-Industrie sowie die Architektur- und Ingenieurbüros sind in der Regel Tätigkeitsbereiche mit technischem Schwerpunkt, in denen Frauen bisher eher seltener vertreten sind.“

Dass diese Formel nicht immer greift, belegt Linda Kruse. Sie ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Games-Entwicklungsfirma The Good Evil mit Sitz in Köln, zudem im Vorstand des Bundesverbands der deutschen Games-Branche e.V. (GAME). Ihre Firma produziert seit rund fünf Jahren digitale Spiele mit Lerninhalten für verschiedene Zielgruppen, unter anderem für Kinder und Jugendliche, hauptsächlich auch für Mädchen, die sich mit Hilfe des Spiels ihr Selbstbewusstsein stärken und sich neue Fähigkeiten aneignen sollen: nicht zuletzt, um auch technische Ausbildungsberufe in Erwägung zu ziehen. Dass sie selbst als Frau in der technik-affinen Games-Branche eher noch die Ausnahme ist, ist Linda Kruse bewusst. „Das sind schon wenige. Aber alleine bin ich jetzt nicht. Da tut sich auf jeden Fall sehr viel, gerade im Games-Bereich. Das liegt zu einen daran, dass es seit ein paar Jahren bessere Ausbildungsmöglichkeiten gibt, dass insgesamt der Nachwuchs stärker wird und halt immer mehr Frauen auch aus dem Studium rauskommen. Die Geschlechterverteilung verändert sich auf diese Weise, und damit gibt es auch natürlich mehr Frauen, die die Chance ergreifen, sich in der Games-Branche selbständig zu machen.“

Zum anderen, so Linda Kruse, gebe es seit einigen Jahren auch andere Arten von Spielen, Spiele, die Frauen besser finden als die Spiele, die zuvor das Games-Bild bestimmt haben. „Wenn man sich das klassische Spiele-Marketing der Achtziger-, Neunzigerjahre anguckt: Da wurden ja hauptsächlich Jungen beworben. Also die typischen Ego-Shooter Spiele, andere sehr kompetitiv, sehr schnell. Solche Spiele gibt es immer noch, aber es muss nicht unbedingt gleich Blut fließen.“ 

So gebe es heute viele Spiele für beiden Geschlechter und mit ganz anderen Ansprüchen. „Mit neuen Spielformen, die tiefere Geschichten mit vielfältigen Charaktere erzählen, wo emotionale und soziale Themen viel stärker in den Spielen verankert sind und das Spielprinzip an sich – schnell irgendwas gewinnen und erreichen – nicht mehr so im Vordergrund steht. Und da sagen Frauen mittlerweile auch eher: Ah, da würde ich auch gerne dran beteiligt sein. Das heißt, das Ansehen, die Akzeptanz von Spielen als Kulturgut hat mittlerweile dazu beigetragen, dass die Games-Industrie auch für ein weibliches Publikum interessanter wird. Und damit natürlich auch für eine Selbständigkeit in der Branche.“

Dieses Interesse habe mittlerweile jede Menge unabhängige Entwickler, die nicht mehr einem großen Publisher unterliegen, sondern sich selbst vermarkten. Lindas Kruse: „Und auf diesem Weg haben sie die Möglichkeit, ihre Konzepte genauso, wie sie sie sich vorstellen, umsetzen.“

Wer sich auf diesen Weg mache, der müsse wissen: Sie oder er ist nicht allein. „Die Branche an sich ist sehr klein. Das heißt, die meisten Leute kennen sich untereinander. Und Netzwerken ist sehr wichtig für Selbständige, gerade auch für Frauen, die hier angeblich zurückhaltender sind als Männer. Man sollte z.B. keine Scheu haben, auf Konferenzen zu gehen. Es gibt in Deutschland drei große Entwicklerkonferenzen, die einen sehr starken Spiele-Fokus haben: die Quo-Vadis-Konferenz im April, die gamescom und die GermanDevDays. Das sind allesamt Branchen-Treffen, an denen man günstig oder kostenlos teilnehmen kann und sehr schnell Kontakt zu Leuten bekommt, die einem weiterhelfen können. Nicht zu vergessen den GAME-Bundesverband. Wir sind natürlich auch eine gute Anlaufstelle für angehende Indis. Das Wichtigste ist, Fragen zu stellen und keine Angst zu haben, dass die Leute nicht mit einem reden wollen.“

Die frustrierende und empörende Situation von Frauen in Kultur und Medien zu ändern, hatte sich bereits im Frühjahr auch die Kulturstaatsministerin auf die Fahnen geschrieben. Sie hatte daraufhin einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Eingeladen waren rund 60 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kultur- und Medienbereich. In mehreren Arbeitsgruppen wurden bislang praxisorientierte Vorschläge für mehr Gleichberechtigung in Kultur und Medien erarbeitet. Einen Maßnahmenkatalog überreichten die Mitwirkenden kürzlich Bundeskanzlerin Angela Merkel. Zu den Maßnahmen gehört unter anderem die Einrichtung des "Projektbüros Frauen in Kultur und Medien" beim Deutschen Kulturrat. Als Anlauf- und Beratungsstelle für „Kulturfrauen“ soll es für bessere Aufstiegschancen von Frauen, mehr Mitsprache in Gremien und Jurys, faire Bezahlung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen. Die Staatsministerin fördert das Büro in den nächsten drei Jahren aus ihrem Etat.

 

Apropos reden: Im Rahmen der BMWi-Initiative „Frauen unternehmen“ berichten seit Oktober 2014 bundesweit über 100 Unternehmerinnen ehrenamtlich in Schulen und Hochschulen von ihrem Weg in die Selbstständigkeit und was sie tagtäglich daran begeistert. Sie sind damit „role models“, wichtige Vorbilder für die nachwachsende Generation von Managerinnen und Unternehmerinnen. „Als erste Frau an der Spitze des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie“ so Brigitte Zypries, „ist es mir ganz besonders wichtig, dass Mädchen und Frauen mit größerer Selbstverständlichkeit ihre Ideen für die Wirtschaft in die Praxis umsetzen. Ein Leben als Unternehmerin bietet große Chancen und gleichzeitig viele Freiräume und Gestaltungsmöglichkeiten. Noch entscheiden sich aber viel zu wenige Frauen für diesen Weg. Nur jedes dritte Unternehmen wird von einer Frau gegründet. Bei technologieorientierten Start-ups sind es sogar noch weniger. Das wollen wir gerne ändern.“

Eine kleine Anmerkung zum Abschluss: Maren Ades in Europa so erfolgreicher Film „Toni Erdmann“ wird in den USA neu verfilmt. Hauptdarsteller: Jack Nickelson. Das Drehbuch wird Lena Dunhum schreiben, Autorin der US-amerikanischen Comedy-Fernsehserie „Girls“. So weit, so gut, die Frauenquote. Wer Regie führt, steht allerdings noch nicht fest. Man darf gespannt sein, ob es eine Frau oder ein Mann sein wird.

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