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26.09.2012 -

Über das Material zum Unikat: Kunsthandwerk Das Kunsthandwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Einleitung

Dass auch das kreative oder kulturwirtschaftliche Handwerk eine bedeutende Rolle in der Kultur- und Kreativwirtschaft spielt, hat die im Auftrag der Initiative Kultur- und Kreativwirtschaft erstellte Studie "Das Handwerk in der Kultur- und Kreativwirtschaft", eindrucksvoll belegt. Nach der in 2011 veröffentlichten Studie sind im gesamten Handwerkssektor mindestens rund 55.200 kultur- und kreativwirtschaftliche Handwerksunternehmen mit einem Umsatzvolumen von rund 20 Milliarden Euro und 239.000 Erwerbstätigen aktiv.

Und eigentlich sind es noch viel mehr! Der Grund: Viele Kunsthandwerkerinnen und -handwerker konnten in dieser Untersuchung nicht berücksichtigt werden, da sie bei keiner Handwerkskammer registriert sind, bei der Handwerkszählung daher nicht berücksichtigt werden und sich so einer gängigen empirischen Erhebung entziehen.

Ist das Kunst, oder kann das weg? - Diese populär-provokante Scherzfrage spiegelt die verbreitete Unsicherheit eines beliebigen Fragestellers, der einem vermeintlichen Kunstobjekt gegenüber steht (oder eben nicht). Bei kunsthandwerklichen Objekten wird er in der Regel nicht in diese Verlegenheit geraten. Sie erfüllen nämlich - nicht immer, aber meist - einen erkennbaren Zweck und signalisieren einen praktischen Nutzen. Und praktische und nützliche Dinge wirft man - eher - nicht weg.

Eine genaue Beschreibung kunsthandwerklicher Tätigkeitsfelder und eine Abgrenzung etwa vom Handwerk gibt es nicht. Fest steht dennoch, was Kunsthandwerker tun. Der Bundesverband Kunsthandwerk unterscheidet neun kunsthandwerkliche Tätigkeitsbereiche, die sich mehrheitlich an den jeweils verwendeten Materialien festmachen: Schmuck/Silbergerät, Textil, Keramik, Glas, Holz/Möbel, Metall, Leder, Papier sowie Andere (z.B. Steinbildhauer oder Marionettenbauer).

Beim Versuch, Kunsthandwerk von Kunst zu unterscheiden, kommt man um einen zentralen Faktor nicht herum: die Verwendbarkeit der kunsthandwerklichen Schöpfungen, ihren praktischer Nutzen. "Freie Kunst erfüllt keinen praktischen Zweck. Sie soll etwas aussagen", sagt Wolfgang Kohl. Er ist der Leiter von Gut Rosenberg, der Akademie für Handwerksdesign der Handwerkskammer Aachen. "Typisch für das Kunsthandwerk ist dagegen die Alltagstauglichkeit der Arbeitsergebnisse. Obwohl kunsthandwerkliches Schaffen sicherlich auch in den anwendungsfreien, den rein ästhetischen Bereich geht, damit die Grenze zur Kunst berührt und zum Teil auch überschreitet." Deshalb werde als Ersatzbegriff für Kunsthandwerk oft der des gestaltenden Handwerks benutzt. "Wir in der Akademie verwenden den Begriff des Handwerksdesigns."

Unabhängig von praktischem Nutzen oder anwendungsfreier Kunst: Typisch für die kunsthandwerkliche Arbeit ist in jedem Fall, dass Entwurf und Ausführung eines Objekts in einer Hand liegen. Christina Beyer, die Geschäftsführerin des Bundesverbandes Kunsthandwerk: "Der Kunsthandwerker entwirft, gestaltet und setzt in seinem Atelier das um, was er entworfen hat. Im Vergleich dazu machen Designer nur den Entwurf, die Ausführung liegt in anderen Händen, oftmals auch in der industriellen Fertigung. Das bedeutet: Der Schlüssel dafür, Kunsthandwerk zu verstehen und zu definieren, liegt in der Person, die eben beides beherrscht: Entwurf und Ausführung. Und die dafür eine besonderen Materialkenntnis mitbringt."

Dass Kunsthandwerker gerade über diese besondere Materialkenntnis verfügen, ist für Wolfgang Kohl kein Wunder. "Der Kunsthandwerker, der zu uns kommt, hat im Regelfall zunächst mal ein Handwerk erlernt. Die Grundlage ist immer das Material, das Wissen um das Material und um die Prozesse, die mit diesem Material zusammenhängen. Und er ist jemand, der dabei sein kreatives Potenzial entdeckt. Dann geht es in seiner späteren beruflichen Entwicklung darum, diese beiden Komponenten miteinander zu verbinden." Das unterscheide ihn sehr stark vom Designer, der meist ein Designstudium absolviert, aber keine handwerklich-technische Ausbildung habe. Dies führe, so Christina Beyer, zwangsläufig zu anderen Arbeitsergebnissen. "Ein Designer entwickelt eher eine Idee gestalterisch am Schreibtisch und überlegt in einem nächsten Schritt, welche Materialien dafür  geeignet wären."

Dass Entwurf und Ausführung eines Objekts beide in der Hand des Kunsthandwerkers liegen, hat Folgen: "Die meisten Objekte, die wir machen, sind Unikate", sagt Heide Nonnenmacher. Sie ist Vorsitzende des Bundes der Kunsthandwerker Baden-Württemberg e.V. und selbst Kunsthandwerkerin. "Ich mache Keramik, hauptsächlich Porzellan, hauchdünn. Beispielsweise Schalen oder Tassen. Die können Sie von der Stange kaufen, da gibt es hunderttausend gleiche Produkte. Sie können auch zu einem Kunsthandwerker gehen. Da bekommen Sie ein ganz individuelles Produkt."

Wobei, so Wolfgang Kohl, ein besonderer Mehrwert für den Kunden in diesem Fall darin liege, denjenigen kennenzulernen, der das Produkt hergestellt hat. "Es entsteht eine persönliche Verbindung über das Produkt zum Macher. Eine solche Verbindung herzustellen, wird heute in jedem Möbelhaus versucht. An jedem Möbelstück, an jeder Sitzgruppe ist ein kleines Schild zu finden: Designed by Björn Soundso. Das ist der Versuch der Industrie, diesen unmittelbaren Kontakt herzustellen. Aber nur beim Kunsthandwerk funktioniert das wirklich."

Das Unikat als Gegenentwurf zur seriellen, industriellen Produktion: Vor allem hierin sieht Christina Beyer die besondere kulturelle und identitätsstiftende Bedeutung des Kunsthandwerks. "Wie wichtig das für die Menschen geworden ist, kann man daran ablesen, dass immer mehr Menschen Wert auf individuellen Schmuck oder persönliche Bekleidung legen, auf Dinge eben, die nicht massenhaft und überall anzutreffen sind. Und die dabei einen hohen gestalterischen Anspruch haben." Wolfgang Kohl hat darüber hinaus die Erfahrung gemacht, dass das Kunsthandwerk dabei nicht nur eigene Werte schafft, sondern auch ganz entscheidende Impulse für die industrielle Produktion gibt. "Wenn es zum Beispiel darum geht, neue Formen zu finden, oder darum, Material an seine Grenzen zu bringen, sowohl was die Funktionalität als auch die ästhetischen Möglichkeiten angeht. Man stellt immer wieder fest, dass solche Impulse schnell von der Industrie aufgenommen werden. So sei auch die umweltfreundliche und nachhaltige Fertigung immer schon ein wichtiges Element des gestaltenden Handwerks gewesen. "Ökologie und Nachhaltigkeit sind Begriffe, die heute zum Trendvokabular vor allem industrieller Produzenten gehören."

Nicht zuletzt, um diesem kulturellen Auftrag gerecht zu werden, achte man auch in Baden-Württemberg sehr auf Qualität, betont Heide Nonnenmacher. Wer Mitglied des Landesverbandes werden will, muss vor einer Jury bestehen. "Man muss zeigen, dass man gut ist. Das betrifft nicht nur die kunsthandwerklichen Arbeiten, sondern auch die Ausbildung."

Eine klassische Ausbildung für das Kunsthandwerk, wie sie früher vor allem von den Kunstgewerbeschulen oder Werkkunstschulen angeboten wurde, gibt es dabei nicht. Kunsthandwerkerinnen und Kunsthandwerker sind nicht selten Autodidakten. Oder sie haben heute eine Ausbildung an einer Fachschule, Fachhochschule (FH) oder einer Kunstakademie absolviert. Viele kommen aus dem Handwerk. Diese Handwerksgesellen oder -meister gehören zur Zielgruppe von einem bundesweit runden Dutzend Akademien für gestaltende Handwerke oder Gestaltungsakademien in Deutschland. "Unsere ist eine davon", sagt Wolfgang Kohl von Gut Rosenberg in Aachen. Grund für ihre Entstehung war, dass Mitte der 70-er Jahre die Werkkunstschulen in NRW in Fachhochschulen für Design überführt wurden. Zur damaligen Zeit hatten nur sehr wenige Handwerker Abitur. Deswegen war ihnen der Zugang zur FH versperrt. "Das hat sich damals insofern bemerkbar gemacht, als man im gestaltenden Handwerk z. B. anlässlich von Wettbewerben feststellte: Da ist kein Nachwuchs. Die Ursachenanalyse ergab: Es fehlten Ausbildungs- und Lernmöglichkeiten für sie. Das war der Anlass, die Akademien ins Leben zu rufen." Die Entwicklung, so Wolfgang Kohl, zeige, dass mittlerweile ein hoher Prozentsatz der Studierenden auf Gut Rosenberg Abitur habe. Sie könnten auch eine Fachhochschule für Design besuchen. "Sie entscheiden sich aber für uns, weil sie diese handwerkliche Komponente weiter entwickeln wollen."

Apropos Entwicklung: Auch wenn es keine bundesweite Erhebung über seine wirtschaftliche Entwicklung gibt, so stehen die Zeichen doch gut für das Kunsthandwerk. Für Baden-Württemberg hat der dortige Bund der Kunsthandwerker e.V. für das Jahr 2009 über 6.100 Betriebe mit einem Umsatz von 6,7 Mrd. Euro ausgewiesen. Außerdem lasse sich der positive Trend allein schon an der steigenden Zahl der Messen sowohl in Deutschland als auch international ablesen, sagt Christina Beyer. So stehe in Deutschland im Frühjahr 2013 die fünfte internationale Messe für Angewandte Kunst & Design an: EUNIQUE. "Und wir sind jetzt im Oktober bereits zum dritten Mal auf einer Veranstaltung in Shanghai, mit einigen Ausstellern, die dort ihre Produkte präsentieren. Die Messe ist ein Ableger der Frankfurter Konsumgütermesse Ambiente. Das Interesse an Produkten des deutschen Kunsthandwerks mit seinen Entwürfen und dieser handwerklichen Qualität ist in China sehr groß.

Die Nachfrageschwerpunkte werden sicherlich, wie wir aus den Erfahrungen der Sonderausstellung 'German Crafts' wissen, die seit den 80-er Jahren zweimal im Jahr in New York stattfindet, vor allem bei Mode, Schmuck und Keramik liegen. Ein Trend, der sich mit Sicherheit auch in China fortsetzen wird."

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