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11.04.2018 -

„Wo gearbeitet wird, ist letztendlich wurscht.“

Einleitung

Interview mit Dr. Jörg Ohnemus, einer der Autoren des Monitoringberichts Kultur- und Kreativwirtschaft 2017 vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim

Bei der Automatisierung geht es ja darum, dass für Routinetätigkeiten – seien sie manueller oder kognitiver Art – potenziell Ersatz da ist: nämlich Roboter, Informations- und Kommunikationstechnologien, Software usw. Das ist eine Gefahr für viele Berufe. Betroffen davon sind in erster Linie solche Berufe, deren Tätigkeiten stark auf Routine ausgelegt sind. Wir am ZEW gehen davon aus, dass 12 Prozent der jetzigen Arbeitsplätze ein hohes Automatisierungsrisiko aufweisen. Was die Kultur- und Kreativwirtschaft angeht: Hier ist es wegen der großen Heterogenität zwar immer schwierig, generelle Aussagen zu machen. Aber im Großen und Ganzen sind die Berufe in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht so routinelastig wie in anderen Branchen, besonders dort, wo Einzelfertigungen irgendwelcher Werke oder Inhalte an der Tagesordnung sind. Von daher kann man davon ausgehen – und ich unterstreiche diese These –, dass die Tätigkeiten und Jobs in der Kultur- und Kreativwirtschaft in der Summe – was die Automatisierung angeht – weniger gefährdet sind als anderswo. Entsprechend steigt die Bedeutung der kreativen, schöpferischen Tätigkeiten – dem Kerngeschäft der Kultur- und Kreativwirtschaft.

Auf jeden Fall. Durch die Nutzung von Internet und von mobilen Endgeräten wie Laptop und Smartphone wird mobile Arbeit stark zunehmen, weil man nicht mehr an seinen Arbeitsplatz gebunden ist. Denken Sie beispielsweise an Designer oder Presseleute. Das ist aber nicht nur typisch für die Kultur- und Kreativwirtschaft, das gilt für alle Berufe, die ohne einen festen Produktionsstandort auskommen, die nicht mit einer großen Maschine oder vielleicht in einem Team an einem bestimmten Standort zusammenarbeiten müssen. Hier entstehen flexible Arbeitsformen und neue Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle. Wobei, um noch einmal auf die Teamarbeit zurückzukommen: Die kann natürlich grundsätzlich auch mobil stattfinden, durch Web-Konferenzen oder einfach nur durch den digitalen Austausch von Informationen.

Warum nicht? Ich könnte mir vorstellen, dass mobiles und selbstorganisiertes Arbeiten im Kultur- und Kreativwirtschaftsbereich stärker zunimmt als in anderen Branchen. Und zwar deswegen, weil es hier relativ viele Soloselbstständige und Kleinunternehmen gibt, die sich ihre Arbeit selbst einteilen und selber über ihre Arbeitskonditionen bestimmen können. In vielen angestellten Büroberufen wäre das rein theoretisch zwar ebenfalls möglich. Aber hier ist man abhängig vom Arbeitgeber und seinen Betriebsvereinbarungen. Es gibt allerdings auch Gegenbeispiele. So gab es vor Kurzem bei SAP die Betriebsvereinbarung, nach der ein Großteil der Mitarbeiter zumindest teilweise von Daheim aus arbeiten kann, wenn sie wollen. Das könnten kleinere Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern genauso handhaben. Ob es für das jeweilige Unternehmen der richtige Weg ist, hängt letztendlich von den Erfahrungen ab, die man macht. Es gibt Beispiele, wo Betriebsvereinbarungen rückgängig gemacht worden sind. Das kann einem Selbständigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft nicht passieren.

Aus Sicht der Arbeitgeber geht es darum, Mitarbeiter zu finden, denen man solche Freiräume einräumen kann und will. Wollen tun das viele Unternehmen, weil sich herumgesprochen hat, dass flexible Arbeitszeitkonzepte, die mehr Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen, ein ganz wichtiger Faktor dafür geworden sind, qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen und zu halten.

Von diesen Mitarbeitern wiederum erfordert es natürlich ein hohes Maß an Disziplin, um selbst bestimmt und selbst organisiert zu arbeiten. Das gilt erst recht, wenn man als Selbständiger unterwegs ist, da bleibt einem nichts Anderes übrig, wenn man auf Dauer erfolgreich sein will. Ohne Selbstdisziplin könnten Selbständige nicht am Markt bestehen. Abgesehen davon muss man natürlich auch in der Lage sein, die neuen Technologien so zu nutzen, dass man deren Chancen ausschöpft. Die Herausforderungen sind je nach Teilbranche der Kultur- und Kreativwirtschaft unterschiedlich ausgeprägt und reichen vom Einsatz mobiler Endgeräte und Design-Software über neue digitale Vertriebswege und damit verbundene neue digitale Formate, Märkte und Marktstrukturen bis hin zu ganz neuen Produktformen, beispielsweise Architektur und Design für virtuelle Welten. Damit verknüpft sind natürlich einige Qualifizierungs- und Investitionsbedarfe.

Genau. Dass man schaut: Wo sind die Veränderungen? Was verändert sich? Und wie kann ich darauf reagieren? Was muss ich tun, um am Ball zu bleiben, z. B. im Berufsfeld der Designer. Wo sind konkrete Weiterbildungsmöglichkeiten?

Die bestehen aus Sicht der Unternehmen insbesondere in Bezug auf Softwarekenntnisse. Die Hälfte aller Unternehmen gibt an, in diesem Bereich Verbesserungspotenziale für sich und ihre Mitarbeiter zu sehen. Dazu kommen die Themen Datensicherheit, digitale Vertriebsstrategien und die Kompetenz, größere Datenmengen analysieren und interpretieren zu können. Jedes dritte Unternehmen sieht außerdem die Notwendigkeit, im Umgang mit sozialen Medien besser zu werden.

Ganz unterschiedlich. Drei Viertel aller Unternehmen, die Mitarbeiter beschäftigen, ermöglichen diesen, Fachmessen und Kongressen zu besuchen. Mehr als die Hälfte lässt sie Kurse in speziellen Weiterbildungseinrichtungen absolvieren. Im Kommen ist E-Learning. Im Jahr 2017 nutzte bereits fast die Hälfte der Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft E-Learning-Angebote, beispielsweise auf sozialen Netzwerken und Videoplattformen. Am weitesten verbreitet ist die Nutzung von E-Learning übrigens in der Designwirtschaft und in der Software- und Games-Industrie. Was die Weiterbildungsbereitschaft allerdings immer wieder dämpft, sind die dafür anfallenden Kosten.

Für den Einzelnen bestehen die Chancen darin, überall arbeiten zu können und dabei konkurrenzfähig zu werden und zu bleiben, übrigens auch aus Sicht der Unternehmen, die eventuell Aufträge an qualifizierte Kreative vergeben wollen. Was die Kultur- und Kreativwirtschaft insgesamt angeht: Hier wird die Flexibilisierung von Arbeit durch mehr projektbezogene, organisationsübergreifende und marktbezogene Tätigkeiten vielfach und schon seit Längerem praktiziert. Sie übernimmt, zumindest in einigen Teilmärkten, bei den digitalen Veränderungen der Arbeit eine Vorreiterrolle. Allen voran die Software- und Games-Industrie. So entsteht beispielsweise die weltweite Möglichkeit für Unternehmen, freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Gerade im kreativen Bereich machen Beispiele die Runde, dass Menschen, die sogenannten Internetnomaden, ihre Jobs und ihre Aufträge per Internet bekommen, hier in Deutschland vielleicht nur noch eine Meldeadresse haben und dabei auf der ganzen Welt unterwegs sind und arbeiten, wann und wo sie wollen. Das Ziel ist nur, den Auftraggeber mit einem zufriedenstellenden Arbeitsergebnis zu beliefern. Wo das entsteht, ist letztendlich wurscht.

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