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26.02.2021 -

Dem Publikum so nah wie nie
Wie können Theater und Schauspieler in der Zeit des Lockdowns dennoch auftreten?

Einleitung

Musikerinnen und Musikern ist in der Zeit des Lockdowns ihre Haupttätigkeit verwehrt: nämlich vor Publikum aufzutreten und damit Geld zu verdienen bzw. einzuspielen. Das betrifft auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen, die zwar weiterhin schreiben können, aber davon abgeschnitten sind, ihre Werke durch Lesungen z.B. in Buchhandlungen bekannt zu machen. Und natürlich auch die Theater und ihren Ensembles. Wie können Theater und Schauspieler in der Zeit des Lockdowns dennoch auftreten? Das haben wir Dr. Thomas Engel gefragt. Er ist Direktor des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts (ITI) in Berlin.

Dr. Thomas Engel: Da ist natürlich der digitale Verbreitungsweg die gangbarste Lösung, also eine mediale Übertragung des Live-Erlebnisses Theater. Dafür gab es in der jüngeren Vergangenheit sehr viele Ansätze. Schon Peter Stein hat an der Schaubühne seine Inszenierungen filmisch aufbereitet. Auch Frank Castorf hat an der Volksbühne mit Video gearbeitet, Gesichter in Großaufnahme und Szenen in nicht einsehbaren Teilen der Bühne gezeigt, und Herbert Fritsch arbeitet seit zwanzig Jahren an „Hamlet X“ im Netz. Aber komplette Theateraufführungen zu übertragen, das war aus sehr verschiedenen Gründen bisher eigentlich ausgeschlossen und wurde kaum realisiert. Das ist für die Theater eine völlig neue Herausforderung und für die Zuschauer eine völlig neue Erfahrung.

Erstmal haben die Theater ihre Archive geöffnet und versucht, aufgezeichnete Inszenierungen an ihr Publikum zu bringen. Da ist ja ein gewisser Grundstock vorhanden. Nur: Was von den Theatern dann ins Netz gestellt wurde, war möglicherweise nur ein Probenmitschnitt und ist eigentlich nie für das Netz produziert worden. Und da ist natürlich das Publikumserlebnis immer ein bisschen eingeschränkt, wenn beispielsweise nur eine Kamera im Zuschauerraum gestanden hat. Das schmiert manchmal auf dem Bildschirm nach wenigen Minuten gnadenlos ab und wird furchtbar langweilig. Und alle fragen sich: Was ist daran eigentlich so großartig? Daher gab es durchaus auch von den Künstlern selbst starke Bedenken oder Protest, dass solche Angebote eins zu eins ins Netz gebracht wurden.

Ja, denn danach hat man sich mit dem Medium viel, viel intensiver auseinandergesetzt. Es geht jetzt nicht mehr darum, die Theateraufführung, so wie sie ist, irgendwie abzufilmen und dann ins Netz zu stellen. Es gibt nun mit viel Aufwand konzipierte und inszenierte gesonderte Aufführungen, die mit mehreren Kameras begleitet werden. Entweder für ein Live-Streaming, oder für einen Film, der daraus entsteht und der dann im Internet zu sehen sein wird.

Was jetzt im breiten Maßstab entwickelt wurde, sind Produktionen, die wirklich nur für das Netz hergestellt werden. Mit ganz neuen Ansätzen der Dramaturgie, der Regie, vom Bühnenbild her. Da passiert im Moment sehr, sehr viel. Das Theater Augsburg hat z.B. eine eigene Sparte für digitales Theater gegründet, die 360 Grad VR-Produktion, „Krasnojarsk“ ist am Schauspielhaus Graz im Netz ist ausverkauft, der digitale Spielplan auf nachtkritik.de ist riesig.

Also, das ist als Medium alles nicht neu und als Technik auch nicht. Die meisten Theater machen Probenmitschnitte oder haben auch schon in der Vergangenheit mit Video live auf der Bühne experimentiert. Die Aufzeichnungstechnik ist vom Prinzip her die altbewährte, nur die Übertragungswege sind neu. Neu ist auch, dass viele Künstler jetzt das vorhandene und erreichbare Equipment benutzen, um damit Produktionen neu zu denken, zu konzipieren und umzusetzen. Natürlich gibt es auch ganz neue technische Entwicklungen in der Übertragung, die man einsetzen kann. Beispielsweise Digital Stage. Das ist eine Audio-Video-Konferenzschaltung für Musik- und Theaterensembles, um von verteilten Orten online zu proben und live und synchron auf einer digitalen Bühne vor Publikum im Internet aufzutreten oder zu singen und zu musizieren. Die dafür benötigt technische Ausstattung ist überschaubar.

Das ist ein großes Problem. Natürlich haben am Anfang alle ihre Sachen frei zugänglich ins Netz gestellt, um den Kontakt zu den Zuschauern nicht zu verlieren. Das war auch richtig und wichtig. Dann ging es langsam los, dass man sagte: Programm für lau anzubieten, ist für die Künstler auch keine Überlebens-Strategie. Jetzt gibt es verschiedene Bezahl-Varianten: Man zahlt für einen Stream, so viel man will. Oder aber es werden auch richtig Karten verkauft, und es findet eine Live-Vorstellung zu einer bestimmten Zeit statt. Was funktioniert, das wird jetzt ausprobiert. Denn es geht darum: Was akzeptiert der Streaming-Zuschauer? Der ja im Hinterkopf hat, Videos alternativ per Flatrate bei Netflix oder kostenlos auf YouTube sehen zu können. Und wir können feststellen: Es wird zunehmend angenommen, natürlich auch abhängig davon, wie attraktiv die Theater-Angebote neben den anderen Angeboten im Netz sind.

Anders als für Filmschauspieler ist es für Theaterschauspieler ungeheuer schwer, in so ein schwarzes Loch zu performen. Sie brauchen die Energie, die sie vom Publikum zu spüren bekommen. Dafür gibt es zum einen bewährte Kleinformate: beispielsweise virtuelle Stadtspaziergänge für kleine Zuschauergruppen oder Eins-zu-eins-Vorstellungen im Netz, bei man dann per Videokonferenz einem Schauspieler zuschaut und mit ihm sprechen kann.

Mittlerweile werden auch andere Interaktionen ausprobiert, wo die Zuschauer mit den Schauspielern in Kontakt treten können. Es werden virtuelle Räume für das Theatererlebnis geschaffen, die Virtual Reality und Technologien aus dem Gaming-Bereich nutzen. Besonders faszinierend ist dabei die Möglichkeit, bei der Gelegenheit auf Schauspieler und Schauspielerinnen zu treffen, die geografisch ganz woanders sitzen, auch im Ausland, denen man sonst niemals so nah kommen könnte. Oder als Zuschauer überhaupt ins Theater zu kommen, wenn Sie weit zu weg von der Stadt leben.

Ja, für die Zuschauer ist es etwas leichter. Das Pausengespräch im Theater passiert ja jetzt nebenbei. Da werden kilometerlange Chats nehmen dem Bildfenster geführt, wo man kommentiert, wo man anregt, wo man nochmal einen Link schickt – ach, das hatte ich hier und hier schon gesehen und so weiter und so fort. Das ist so ein ganz zeitnahes Kommentieren von dem, was dort gerade stattfindet.

Ich glaube, in Deutschland im Moment noch nicht, in anderen, vor allem osteuropäischen Ländern, weit mehr. Die Fernsehanstalten haben sich hierzulande weitestgehend aus dem Theaterbereich zurückgezogen, schon vor vielen Jahren. Es gibt ein paar Kultursendungen, die das ab und zu mal ein bisschen featuren. Aber dass die tatsächlich zum Medium für die Theater werden könnten, das kann man eigentlich nicht sagen. Es ist eher so, dass die Theater jetzt ihre eigenen Sendeanstalten werden.

Vor allem, sich an die 2020 gegründete Initiative Digitale Dramaturgie. Das sind sowohl Dramaturgen, Autoren, Medienwissenschaftler als auch IT-Experten und Netzaktivisten. Die machen Tutorials, die entwickeln spezielle Schulungsprogramme, dort wird ein intensiver Austausch und eine Expertise-Entwicklung betrieben, die auch aus dem Zusammenspiel der entsprechenden Think Tanks entsteht. Dazu gehört nicht zuletzt die Akademie für Theater und Digitalität.

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