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13.05.2022 -

„Die Erfahrung zeigt, dass erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler auch sehr gute Unternehmerinnen und Unternehmer sind.“ Interview mit der Fotografin und Künstlerin Sandra Mann

Einleitung

Sandra Mann

Sandra Mann

© Tom Kauth Photography

Sandra Mann ist eine der erfolgreichsten Fotografinnen und Künstlerinnen Deutschlands. Ihre Werke findet man im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main, in der Kunsthalle Wien, im MUCA in Mexiko-Stadt oder auch der Art Collection der Deutsche Börse Photography Foundation. 2021 wurde sie mit der Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main ausgezeichnet. Wir haben Sandra Mann gefragt, wie die unternehmerischen Seiten ihrer künstlerischen Tätigkeit aussehen.

Mann: Das war ein langer Weg. Ich hatte an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main studiert und mich auf Fotografie und experimentelle Raumkonzepte spezialisiert. Hinzu kamen dann noch zwei Semester Kunstgeschichte an der Uni Frankfurt. Damals hatte ich auch schon meine ersten Ausstellungen, unter anderem in den Räumlichkeiten der Hochschule, aber auch in Cafés und anderen Locations. Der Höhepunkt war aber zweifellos 2001 eine Ausstellung im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt mit einer Wandinstallation zum Thema Liebe in Zeiten der Globalisierung.

Mann: Ja, das war ein fließender Übergang. Ich hatte mir schon während des Studiums ein großes Netzwerk aufgebaut, nicht zuletzt durch die zahlreichen Ausstellungen. Nach dem Studium habe ich einfach weitergearbeitet und war dabei sehr produktiv. Ich bin davon überzeugt, dass eine hohe Produktivität entscheidend ist, um als Künstlerin oder Künstler Fuß zu fassen. Natürlich macht man auch Fehler je mehr man arbeitet. Es muss ja nicht alles veröffentlicht werden, dadurch lernt man auch ungeheuer viel. Und ja: Ein zwölf Stunden Tag gehört einfach dazu. Diese hohe Produktivität ist gerade am Anfang einfach wichtig, um präsent zu sein, um wahrgenommen zu werden und am Ende um sich finanzieren zu können.

Mann: Zu Anfang habe ich in der Hochschule ausgestellt. Das waren überwiegend Fotoarbeiten, weniger raumbezogene Arbeiten. Und im Gespräch mit den Besucherinnen und Besuchern kamen dann weitere Anfragen. Zum Beispiel kamen Sammler auf mich zu, die mit mir eine fotografische Strecke oder eine Ausstellung machen wollten. Wobei es mir dabei immer um die inhaltliche Ausrichtung ging und weniger um den Verkauf. Und letztlich hat sich diese Herangehensweise als besonders nachhaltig erwiesen, weil es eben nicht nur um ein schönes Bild an der Wand geht, sondern vor allem auch um eine inhaltliche Botschaft. In der Kunsthalle Wien zum Beispiel ging es um das Thema Mode als gesellschaftlichem Phänomen. Dazu einen guten Beitrag leisteten die während meiner Reisen frei entstandenen Fotografien. Inzwischen stelle ich sehr viel in Museen und anderen Institutionen aus und werde von Kuratorinnen und Kuratoren angesprochen, die auf der Suche nach zeitgenössischen und politisch relevanten Positionen sind.

Mann: Das ist sehr unterschiedlich. Manchmal gibt es die Möglichkeit, dass das Museum meine Arbeit für seine Sammlung ankauft. Meist gibt es kein Geld, da muss man sehen, ob sich Fördermittel oder Sponsorengelder akquirieren lassen.

Mann: Die Erfahrung zeigt, dass erfolgreiche Künstlerinnen und Künstler auch sehr gute Unternehmerinnen und Unternehmer sind. Ich habe sehr viele Bücher zum Thema Kunstmarketing und Kunstmarkt gelesen und gelernt, unternehmerisch zu denken. Dazu gehört zum Beispiel, dass ich einen festen Tagessatz habe, von dem ich auch nicht abweiche, es sei denn, ich arbeite für Charity-Projekte.

Außerdem habe ich viele Standbeine. Zum einen gibt es Sammlerinnen Sammler, Freundinnen und Freunde, die meine Arbeit schätzen und kaufen. Zum anderen führe ich Projekte für Kommunen oder Unternehmen durch, die entsprechende Budgets haben und kuratiere zum Beispiel Gruppenausstellungen mit Rahmenprogramm oder arbeite in Jurys für Kunst- und Fotografiepreise, oder ich konzipiere und organisiere Podiumsdiskussionen zu künstlerischen Themen. Als Fotografin nehme ich natürlich auch Aufträge an, wobei ich die Honorare dann wiederum in freie Projekte investiere, die ich selbst umsetze. Hinzu kommen Einkünfte aus meiner Tätigkeit als Dozentin zum Beispiel an der European School of Design.

Weitere unternehmerische „Tugenden“ sind sicherlich auch, Kontakte zu pflegen, strukturiert und zuverlässig zu sein. Wenn man nicht zuverlässig ist, werden die Aufträge anderweitig vergeben. Das ist ein häufiges Problem bei Kreativen. Dabei spielt die Kommunikation miteinander natürlich auch eine wichtige Rolle. Das predige ich meinen Studierenden auch immer wieder. Gesprächsprotokolle zu schreiben, ist zum Beispiel sehr hilfreich. Einfach um noch einmal für alle Beteiligten festzuhalten, was vereinbart wurde und um Missverständnisse zu vermeiden. Ich denke, nachhaltig erfolgreich zu sein, bedeutet, dass für beide Seiten das Beste herauskommt.

Mann: Dass es nicht funktioniert. Das ist einfach so. Ich meine, man kann diese Einstellung haben, aber dann betreibt man Kunst eher als Hobby. Das hört sich sehr hart an, aber das ist das, was ich aus meiner Erfahrung heraus sagen kann. Eine künstlerische Begabung allein reicht nicht aus, um von der Kunst leben zu können.

Mann: Nach dem Studium gab es einen Einbruch in der Musikindustrie, für die ich damals sehr viel gearbeitet habe – das war so 2003 herum. Das führte dazu, dass nicht mehr so viele Platten- und CD-Cover in Auftrag gegeben wurden. Ich habe mich dann mehr noch als bisher freie Arbeiten geschaffen, mich also in Richtung Kunst orientiert. Was mir dabei sehr geholfen hat, war, mehrere Schwerpunkte in der Arbeit zu setzen (Freie Arbeiten, Auftragsarbeiten, Projektarbeiten, Unterricht), mehrere Standbeine zu haben, so dass ich auf Krisen flexibel reagieren konnte.

Mann: Die Pandemie war für uns alle eine Herausforderung. Kunstschaffende sind es gewohnt, flexibel zu sein. Wenn jedoch die Ausstellungshäuser geschlossen sind, ist es nur noch möglich, sich auf die eigentliche, kreative Arbeit zu konzentrieren. Das war ehrlich gesagt von daher eine schöne Zeit. Finanziell haben die Stipendien sehr geholfen, zum Beispiel „Neustart Kultur“ der Bundesregierung, die Stipendien der Hessischen Kulturstiftung, der Künstlerhilfe, oder die Förderungen, die von anderen Initiativen ausgeschrieben wurden. Als mentale Unterstützung ist natürlich die Verleihung der Goethe Plakette der Stadt Frankfurt zu nennen. Das ist eine fantastische Auszeichnung und ich bin sehr stolz, dass ich sie bekommen habe. Auch das damit die oft sehr aufwändige, zeitintensive und ehrenamtliche Arbeit für Charity-Aktionen damit gewürdigt wird, freut mich besonders. Weiterhin hilft auch mein Netzwerk an Freunden und Sammlern, die trotz geschlossener Ausstellungsinstitutionen Arbeiten erwarben oder Projekte mit mir verwirklicht haben. Ein gutes Netzwerk kann Krisen gut auffangen, deshalb ist es so wichtig sich darum zu kümmern. Das spiegelt sich auch inhaltlich in meinen künstlerischen Arbeiten. Das ist wie eine gut funktionierende Familie, bei der sich die Mitglieder gegenseitig fördern oder auffangen.

Mann: Ja. Es gibt tatsächlich etwas. Das bezieht sich auf mein Studium. Auch wenn die Hochschule für Gestaltung Offenbach eine sehr gute Ausbildung anbietet, sind einige der Absolventinnen und Absolventen anschließend noch an die Städelschule in Frankfurt gegangen. Die setzt einfach noch einmal einen besonderen Fokus auf die Kunstausbildung und stellt dabei auch Kontakte zu internationalen Kuratorinnen und Kuratoren her. Zusammen mit dem Studium mit Universitätsrang in Offenbach ist das eine ideale Kombination. Von daher denke ich, dass ich vielleicht noch ein Aufbaustudium an der Städelschule hätte machen sollen. Das hat sich für viele Künstlerinnen und Künstler bewährt.

Ansonsten würde ich rückblickend eigentlich nichts anders machen. Das liegt vermutlich auch daran, dass ich ein sehr lösungsorientierter Mensch bin und Entscheidungen im Nachhinein nicht in Frage stelle, das macht für mich keinen Sinn. Das ist vielleicht auch noch etwas, was ich anderen mitgeben kann. Was häufig bremst oder blockiert, ist die Angst, dass bestimmte Ideen nicht funktionieren oder sie aus irgendwelchen Gründen nicht umsetzbar sein könnten. Ich tendiere dagegen eher dazu, Dinge auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin zu scheitern. Wie sagte William Ritter: „Failure is not the opposite of success - it`s part of it!“

Mann: Ja, ich finde, man sollte sich viel mehr darüber klar werden, auf was es eigentlich ankommt. Was ist denn das Wesentliche? Ich frage mich zum Beispiel, welche Bilder ich noch in die Welt setzen kann? Was ist da noch wichtig? Ich habe fotografisch zum Beispiel den Wald als Bühne gefunden, in dem ich gesellschaftliche Prozesse oder Themen inszeniere, die im Zusammenhang mit unserer Lebensgrundlage, der Natur, stehen. Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der sich jeder Mensch darüber Gedanken machen muss, wie er oder sie (umwelt-)bewusster, zukunftsorientierter und nachhaltiger arbeiten kann – vor allem in der Kunst. Wir Kunst- und Fotoschaffenden sind Seismografen unserer Gesellschaft, also im wahrsten Sinne des Wortes „Seher/Seherinnen“ und müssen uns dieser Verantwortung immer wieder stellen.

Stand: April 2022