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18.05.2020 -

Was bringen Streaming- und Video-Plattformen (den Kreativen)? Viele Kreativschaffende vor allem aus den Bereichen Musik und Theater nutzen derzeit Auftritte auf Streaming- und Video-Plattformen. Erfahrungen, die diese Plattformen dabei gemacht haben, haben wir in einer Umfrage gesammelt.

Einleitung

Kreativschaffende vor allem aus den Bereichen Musik und Theater sind in ihrer täglichen Arbeit in aller Regel auf Öffentlichkeit und persönliche Kontakte angewiesen. Da diese zurzeit „live“ nicht möglich sind, versuchen viele ihr Glück über Auftritte auf Streaming- und Video-Plattformen. Wir haben die Erfahrungen, die diese Plattformen dabei gemacht haben, in einer kleinen Umfrage gesammelt. Hier das Ergebnis.

Eins steht fest: Sie wurden und werden erstaunlich häufig genutzt: Das lässt sich nach Auswertung der (begrenzten) Umfrage-Ergebnisse sicher sagen. Kein Wunder, so die Kölner Dringeblieben.de-Macher. „Die Kreativen nutzen die Plattform, um ihrem Beruf in dieser Zeit nachzugehen. Und streamen ihre Kunst, die sie normalerweise live darbieten. Allerdings ohne den direkten Kontakt zum Publikum. Ungewohnt.“

Welche Plattform?
Für welche Plattform sich Kreative und Kultur-Anbieter dabei entscheiden, hängt nicht zuletzt von deren Arbeitsweise ab. Viele - wie die bundesweite culturestreams.org oder United We Stream Stuttgart (ein regionaler Partner der bundesweiten United-We-Stream-Initiative) - sind so etwas wie „Verzeichnisse“, die Streaming-Events und -Termine bündeln und bekannt machen. Anbieter können sich hier melden, um sich listen zu lassen. Bei United We Stream Stuttgart haben allein im April 2020 rund 15 Spielstätten und 60 regionale und überregionale Acts die Plattform für ihre Öffentlichkeitarbeit genutzt.

Streaming-Plattformen wie das Münchener Zuhause-Festival oder Berlin(a)live sehen sich eher als "Verstärker". Die Events werden von den Künstlerinnen und Künstlern in Eigenregie organisiert und gestreamt, die Plattformen bieten die Veranstaltungen dann in aller Regel via Social Media an. Bei Berlin(a)live sind permanent rund 500 Livestreams auf der Seite ansteuerbar. Hier gibt es zudem die Möglichkeit, On-Demand-Inhalte einzustellen. Zahlreiche Anbieter haben das Angebot schon mehrfach genutzt.

Welche Angebote?
Angeboten wird im Prinzip alles das, was es sonst live gibt: viel Musik, bis hin zur , Wagner-Oper, Comedy, Radioshows, Diskussionsrunden oder Wohnzimmerballett. Nicht zu vergessen Mitmachsachen für Kinder.

Publikums-Interesse
Auch das Publikums-Interesse ist groß: Das melden alle Plattformen unisono. Das Zuhause-Festival konnte bislang rund 10.000 Besucher pro Woche verbuchen, nicht zu vergessen rund 1000 Follower bei Facebook und 400 Follower bei Instagram. Die einzelnen Livestreams werden hier von durchschnittlich 50 bis 500 Usern angeschaut, im Nachgang (als Video) dann oft noch von mehreren tausend Interessenten.

Deutlich mehr Zuschauer registriert dabei United We Stream Stuttgart: durchschnittlich 15.000 ohne den Partner Arte Concerts, bei der Kooperation mit Arte Concert stolze 70.000.

Zuschauer-Vorlieben
Was die Zuschauer-Vorlieben angeht: Bei culturestreams.org sind es hier meist die Live-Veranstaltungen (also nicht die Videos), die das größte Netzwerk und die meisten Follower hinter sich versammeln können. Favoriten bei Berlin(a)live sind spezielle Musikformate, wie der Musiktruck, der durch Marzahn-Hellersdorf fährt, Remote-Games oder Internet-Premieren.

Keine Frage: Digitale Events sind keine voll tauglichen Alternativen zum öffentlichen Auftritt. Das betrifft erstens die Befindlichkeit der Protagonisten, wenn sie zu Hause anstatt in einer Halle vor 1.000 Leute zu spielen. Und zweitens natürlich das Thema Geldverdienen.

Tickets
Bei Dringeblieben.de aus Köln können Zuschauer Supporter-Tickets buchen. Die liegen zwischen 2 und 20 Euro. Insgesamt sind seit dem Start der Plattform am 17. März 2020 fast 220.000 Euro an Einnahmen zusammengekommen. Da das Geld für ganz bestimmte Streams bezahlt wird, geht es auch direkt an deren Anbieter (abzüglich einer geringen Gebühr für Serverkosten, buchhalterischen Aufwand, Payment-Gebühren usw.).

Spenden
culturestreams.org bündelt Plattformen mit den unterschiedlichsten Bezahl-Optionen: von der Möglichkeit, einen Link zum Spenden zu hinterlegen bis zu kostenpflichtigen Events. Was mit den Einnahmen geschieht, bleibt Sache der jeweiligen Veranstalter.

Crowdfunding
United We Stream Stuttgart sorgt über die Zusammenarbeit mit der bekannten Crowdfunding-Plattform StartNext für Gelder. „Diese werden dann über eine Jury an notleidende Clubs ausgeschüttet, die sich per Antrag darauf bewerben können.“

Alles nicht schlecht. Aber auch (noch) nicht gut genug. Nach Einschätzung des Zuhause-Festivals sind die eintreffenden „Honorare“ ein Tropfen auf den heißen Stein. Nach einer eigenen Umfrage verorten die Kreativen den finanziellen Nutzen auf einer Skala von 1 bis 5 bei 2. Die Zuhause-Macher: „Das ist ein wenig Hutgeld. Dazu kommt eine große Unsicherheit im Umgang mit Spenden (z.B. Steuern).“ Eher gut gelaufen sind dagegen die Crowdfunding-Aktionen, die z.B. einige Clubs gestartet haben. Hier wird deutlich: Vor allem dann, wenn schon vorher eine gute Community-Arbeit geleistet wurde, wird sehr viel Solidarität sichtbar.

Eine weitere wichtige Einsicht: Es geht nicht nur ums Geld. Für die bundesweite Digitale Bühne ist vor allem wichtig, dass Kreative wieder proben und live vor Publikum auftreten können. Darüber hinaus erleben die Zuhause-Festival-Organisatoren sehr viel Verbundenheit zwischen Künstlerinnen, Künstlern und Publikum. „Die hilft nicht zuletzt dabei, die Corona-Depression ein wenig zu lindern und sorgt für neues Potenzial für hoffentlich irgendwann wieder stattfindende analoge Events.“ In diesem Sinne versteht sich auch Berlin(a)live als Vermittler, der um Solidarität der Kulturkonsumenten werben will.

Für das Zuhause-Festival in München waren das die spontan entstandenen Radioshows: „Diese werden vermutlich auch nach Corona fortgesetzt, da sie ein völlig neues Format für beliebige Communities geschaffen haben.“ Dazu komme: „Wenn man sich das Feedback auf die einzelnen Events anschaut, wird deutlich, wie viel Dankbarkeit die Zuschauer empfinden. Nicht zu vergessen der "Stay Sing Choir", der 400 Menschen zusammengebracht und tief berührt hat.“:

Berlin(a)live: „Der Sonntag, an dem wir online gegangen sind, war sonnig, und alle waren unterwegs. In den ersten Stunden gab es keine Reaktion. Niemand trug einen Live-Stream ein. Am Sonntagabend ging es dann los, ein Stream nach dem anderen kam dazu. Seitdem hat es nicht aufgehört. Wir bekommen jeden Tag unzählige Mails mit positivem Feedback.“

Die Akteure hinter culturestreams.org freuen sich besonders darüber, dass Kulturinstitutionen, die sie selbst besonders mögen, ihr Interesse gezeigt haben: wie z.B. diverse Pinakotheken oder die Mitmach-Aktion „Westflügel Leipzig“.

Und die Digitale Bühne findet es beeindruckend, dass es möglich ist, nach einer 15-minütigen Installation auf dem Rechner zu Hause eine Plattform zur Verfügung zu haben, auf der man mit einer guten Audioqualität gemeinsam musizieren kann.

Die beeindruckendste Erfahrung der Dringeblieben.de-Macher ist der Zusammenhalt der kreativen Szene: „Wir haben uns über wertvollen Austausch und viel Unterstützung gefreut. Da spielte es keine Rolle, in welcher Stadt man tätig ist oder ob man schon mal zusammengearbeitet hat. Das gibt uns weiterhin sehr viel Kraft.“

Das sollten Streaming- oder Video-Anbieter beherzigen

  • Mit den digitalen Tools experimentieren.
  • Auf die Nutzer hören.
  • Angebote einfach und unkompliziert gestalten- alles steht und fällt mit der Nutzerzentrierung: je geringer die Hürden, desto höher

    der Zulauf

  • Am wichtigsten ist es, ein einfaches und übersichtliches User-Interface zu gestalten, außerdem gute Beratungsmöglichkeiten für Nutzer anzubieten.
  • Es ist immer sehr wichtig, dass der Sound stimmt.
  • Angebote aktuell halten (einige Plattformen und Kreative betreuen ihre Angebote nach einem Event nicht weiter).

Weiterführende Informationen

  • Übersicht: Digitale Tools für Zusammenarbeit und Öffentlichkeit

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