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18.11.2020 -

Nicht in der Bubble: Kultur- und Kreativwirtschaft
Zu den Ergebnissen des European Creative Industries Summit (ECIS) 2020 ein Interview mit Bernd Fesel. Er ist Vorsitzender des European Creative Business Network.

Einleitung

Der European Creative Industries Summit (ECIS) hat sich zur größten jährlich stattfindenden Veranstaltung der Kultur- und Kreativwirtschaft auf europäischer Ebene entwickelt, bei der gewöhnlich mehr als 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Branche aus Europa in der Hauptstadt des Landes, das gerade die EU-Ratspräsidentschaft inne hat, zusammenkommen. Der 10. European Creative Industries Summit wurde unter dem Motto „Framing Creative Futures“ gemeinsam vom European Creative Business Network und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie veranstaltet. Die Online-Konferenz stand allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Rahmen von wöchentlich stattfindenden Breakout Sessions offen. Die Live-Sessions des #ECIS2020 hatten am 24. September begonnen, die Abschlussveranstaltung wurde am 28. Oktober übertragen.

Herr Fesel, vor dem eigentlichen Gipfel gab es einen längeren Online-Vorlauf mit fünf sogenannten Breakout Sessions. Zu welchem Zweck?

Bernd Fesel: Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht. Die Konferenz konnte wegen Corona, das stand früh fest, keine Präsenzveranstaltung mehr sein. Es sollte aber trotzdem ein realer Dialog ermöglicht werden, so wie wir das seit zehn Jahren pflegen. Also gab es in diesem Jahr keine Eintages-Veranstaltung, also Plenum mit Vorträgen, gefolgt von parallelen Working-Sessions zu bestimmten Themen. Vielmehr hatten wir diese Dialoge in der digitalen Welt über eine Strecke von fünf Wochen, eine Breakout Session pro Woche. Die Ergebnisse dieser Dialoge wurden dann auf dem abschließenden Gipfel vorgestellt. Und der rote Faden, der das alles verbindet, ist die Frage: Unter welchen Rahmenbedingungen leben wir in Zukunft, da Covid die bisherigen Rahmenbedingungen so fundamental infrage stellt. Und welchen Beitrag konkret leistet Kultur- und Kreativwirtschaft dabei, diese Rahmenbedingungen innovativ fit für die Zukunft zu machen?

Die Breakout Sessions hatten fünf verschiedenen Themen, wie Sie sagen. Welche? Und welches waren Dialog-Ergebnisse?

Die Covid-19-Pandemie in Europa ist nicht nur eine Gesundheits- und Wirtschaftskrise, sondern sie ist auch zu einer Krise des Miteinanders in Europa geworden - nationale Alleingänge, geschlossene Grenzen und ausbleibende Hilfen für notleidende Regionen. Die Grenzen des europäischen Gedankens eines gemeinsamen Lebensraums wurden sichtbar. Die Frage, wie leben wir in Europa in Zukunft zusammen, stand im Raum. Da Kultur- und Kreativwirtschaft schon seit jeher für Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg steht, beschäftigte sich diese erste Session mit der Frage, mit welchen Kräften und Impulsen Kultur- und Kreativwirtschaft Zusammenarbeit und Zusammenhalt in einem offenen Europa in Covid-19 Zeiten unterstützen kann. Titel: „Solidarity over Charity“.

Die zweite Breakout Session widmete sich dem Thema Bürokratie. Da ging es um die öffentliche Verwaltung, deren Aufgabe es ja ist, Prozesse zu bewahren und zu gestalten und in einer sich stark verändernden Umwelt für Stabilität und Sicherheit zu sorgen. Allerdings sind viele Verwaltungen in so einer so unbeständigen Welt, wie wir sie jetzt erleben, an ihre Grenzen gekommen. Gerade in Deutschland gab es aber in der Corona-Zeit hervorragende Beispiele dafür, wie Verwaltungen schneller nah am Bürger sind. Uns geht es um eine neue Haltung. Nicht mehr zu sagen: Ich kann das nicht, weil die und die Vorschrift das nicht erlaubt. Sondern: Ich stelle mir vor, ich könnte es. Und frage dann: Wie müsste die Vorschrift dafür aussehen? Was kann ich als Verwaltung tun, um es möglich zu machen?

Das dritte Thema war: die Kreativwirtschaft als Innovationstreiber in der Krise.
Dazu gibt es beste Beispiele, vor allen Dingen in der Online-Welt. Das verstärkte Streaming ist das offensichtlichste Kreativ-Resultat der Krise. Und schon vor zehn Jahren hat man für das Internet darüber nachgedacht, wie man Content nicht nur zielgenauer für bestimmte Kunden produzieren, sondern ihn auch genau zu ihm bringen kann. Dass wir heute auf den meisten Plattformen etwas finden, das wir suchen, ist ja kein Zufall, sondern das Verdienst der Macher z.B. der hochspezialisierten User-Interface-Designer , die den User im Blick haben und dafür sorgen, dass Interaktionen auf Webseiten für Nutzer möglichst einfach und angenehm sind.

Bei der vierten Breakout Session ging es um die Frage: Wie können Innovationen der Kreativwirtschaft helfen, Nachhaltigkeit als großes Transformationsprojekt voranzubringen. Also nachhaltige Wirtschaft, nachhaltige Bildung, nachhaltige Städte. Dazu hat sich z.B. unser Partner, die Hamburg Kreativ Gesellschaft, ein Modell ausgedacht: einen Inkubator, der Innovationen der Kreativwirtschaft mit dem Thema Nachhaltigkeit zusammenbringt und den Wert von Innovationen daran misst, wir sehr sie dem Ziel dienen. Beispielsweise nachhaltiger Arbeiten, Hunger vermeiden oder lebenslang Lernen. Oder eben: Wie sieht eine nachhaltige Stadt aus?

Eng damit zusammen hängt auch das Thema der letzten Session: die Bildung in der Zukunft. Viele Berufe, die in 20, 30 Jahren in einer nachhaltigen Welt und Wirtschaft und Gesellschaft nötig sind, gibt es heute noch gar nicht. Die werden erst Schritt für Schritt geschaffen. Oder nehmen Sie z.B. die Games-Industrie: Viele arbeiten dort in Berufen, die es vor zehn oder 20 Jahren noch gar nicht gab und die so auch nicht planbar waren. Der Vorschlag der Session war, in einer Art Netzwerk zu lernen, breitere Kompetenzen aufbauen, die nicht auf einige wenige Fertigkeiten oder spezielle Berufe abzielen, sondern dabei helfen zu lernen, wie man sich immer wieder neue Kompetenzen aneignet. Dann kann man in vielen Berufen arbeiten, auch solchen, an die wir jetzt noch gar nicht denken.

Ein European Non-Paper on the Cultural Creative Industries 2020 – 2030 soll alle Ergebnisse der Sessions enthalten. An wen soll es gerichtet sein? Mit welchem Ziel?

Bernd Fesel: Dieses europäische Non-Paper wird die Statements der Experten, die Beiträge von Diskutanten und auch die Conclusios enthalten, auch die vom Abschluss-Summit. Es wird also ein vollständiges Bild der Problemstellungen und der Debatte zu den genannten fünf Themen liefern. Es richtet sich an die Politik, die für die Bereiche Wirtschaft, Kultur, Bildung und Wissenschaft zuständig ist, sowohl in der Europäischen Union als auch in den Mitgliedsstaaten. Das ist wie ein nicht-amtlicher – daher der Name Non-Paper – großer Steinbruch an Ideen und Vorschlägen für die nächste Europäische Politikperiode, die nächsten sieben Jahre also.

Stichwort Politik: Beim Summit gab es auch ein Policy Forum. Welches sind wichtige Gipfel-Ergebnisse aus politischer Sicht?

Bernd Fesel: Eine der wichtigsten Botschaften des Gipfels war: Die Kreativwirtschaft ist keine Bubble, die irgendwie isoliert existiert, umgeben von der sogenannten realen Wirtschaft. Sie ist vielmehr schon in den verschiedensten Wirtschaftsbranchen wie in Tourismus-, Gesundheits-, IKT- oder Bauwirtschaft tief verankert und oft auch Treiber für branchenübergreifende Innovationen. Um hier für mehr Gemeinsamkeiten zu sorgen, brauchen wir u.a. eine Erweiterung des Innovationsbegriffs. Das beginnt gerade: Bei uns in Deutschland ist beispielsweise 2019 vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das Innovationsprogramm für Geschäftsmodelle und Pionierlösungen (IGP) aus der Taufe gehoben worden. Es fördert nicht mehr nur technische Innovationen, sondern auch nicht-technische, wie z.B. neue Produktdesigns oder innovative Plattformkonzepte oder Service-Innovationen.

Der Summit war ja auch ein europäischer. War hat er aus EU-Perspektive gebracht?

Bernd Fesel: Eine zweite Botschaft, und zwar von Seiten der Europäischen Union, war, dass diese Weiterentwicklung des Innovationsbegriffes auch von der europäischen Politik massiv vorangetrieben wird. Und das gleich in mehreren EU-Programmen. Das geht hinein in Bildungsprogramme wie ErasmusPlus, das geht hinein in Programme des Europäischen Instituts für Innovation und Technologie wie die sogenannte Knowledge and Innovation Community, eine Europaweite Innovationsagentur für Kreativwirtschaft, die in den nächsten Jahren entstehen soll. Insgesamt müssen wir dennoch noch mehr für dieses erweiterte Innovationsverständnis tun, wir brauchen dafür ein erweitertes Tool-Set der Politik, in der Kultur-, Wirtschafts-, Forschungs- und Internationale Politik mehr als bisher zusammen wirken.
Und das ist vielleicht die Gesamtbotschaft dieser Konferenz: Dass wir, so schwierig das auch sein mag, lernen müssen, mit diesen erweiterten Kontexten zu arbeiten, dass wir uns darauf einstellen müssen, noch größere Unterschiede in der Auffassung von Kreativität zusammenführen. Man könnte auch kurz zusammenfassend sagen: Es wird nicht leichter, aber es wird auf jeden Fall immer spannender. Und wir leisten damit einen immer größer werdenden Beitrag zur Gestaltung unserer Gesellschaft.

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