Navigation

13.08.2021 -

„Die Reise war sehr gut, um einen ersten Eindruck vom japanischen Musikmarkt zu bekommen.“
Interview mit Adam Kesselhaut, Inhaber eines Berliner Tonstudios und Teilnehmer am BMWi-Markterschließungsprogramm.

Einleitung

Adam Kesselhaut, Quelle: William Hardister

Adam Kesselhaut

© William Hardister

Kreativunternehmen im Ausland kennenlernen, sich mit dem Markt vertraut machen und Netzwerke aufbauen: Das Markterschließungsprogramm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie ermöglicht freiberuflich Selbständigen sowie kleinen und mittleren Unternehmen der Kreativwirtschaft bis zu fünftägige Aufenthalte in ausgewählten Ländern. Adam Kesselhaut, Inhaber eines Berliner Tonstudios, hat zum Beispiel das Programm genutzt, um den japanischen Musik- und Entertainmentmarkt besser kennenzulernen. Wir haben ihn nach seinen Erfahrungen gefragt.

Kesselhaut: Dazu muss ich etwas ausholen: Sowohl mein Bewake Studios“ als auch mein Songwriting haben dazu geführt, dass ich über die Jahre ein sehr großes Netzwerk von Künstlerinnen und Künstlern aufbauen konnte. Dazu gehört auch die Sängerin, DJ und Autorin Xenia, Prinzessin von Sachsen. 2010 hatten wir die Chance, sie für eine Show der BBC zu buchen. Diese Show wurde dann auch 2012 in Japan ausgestrahlt. Und dabei hat sich herausgestellt, dass Xenia in Japan sehr gut ankommt. Insofern war das der Anlass, Geschäftsbeziehungen in Japan aufzubauen. Ich wollte Kontakte zur dortigen Entertainmentbranche aufbauen und mein Unternehmen im japanischen Musik- und Unterhaltungsgeschäft bekannt machen. Hinzu kam, dass ich im Auftrag der Berlin Music Commission als „Music Ambassador“ den Standort Berlin in Japan vorstellen sollte.

Kesselhaut: Ja, das stimmt. Ich war persönlich schon immer an Japan interessiert und habe zwei Jahre lang an der Brandeis University in Waltham Massachusetts bei Boston Japanisch gelernt und japanische Literatur und Geschichte studiert.

Kesselhaut: Mehr oder weniger. Ich stand jedenfalls bereits im engen Kontakt zu einer deutschen Anwaltskanzlei in Tokio, deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die japanische Sprache beherrschen und die sich im japanischen Recht auskennen. Wir kannten uns gut und hatten uns bereits öfters gegenseitig in Deutschland und Japan besucht und mehrere Projekte gemeinsam umgesetzt. Über diese Anwaltskanzlei habe ich dann erfahren, dass es dieses Markterschließungsprogramm gibt, das für Vertreter der Kreativwirtschaft Unternehmerreisen nach Japan anbietet.

Kesselhaut: Es war super. Wir waren insgesamt etwa zu zehnt und alle aus der Entertainmentbranche: freiberuflich Selbständige sowie Unternehmerinnen und Unternehmer. Die Atmosphäre war wirklich angenehm, mit einigen bin ich sogar immer noch im Kontakt. Vor Ort wurden wir von der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Japan (AHK) betreut. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine tolle Veranstaltung, bei der sich jeder von uns Teilnehmenden 10 bis 15 Minuten lang vor Vertreterinnen und Vertretern aus der japanischen Musik- und Unterhaltungsbranche präsentieren und im Anschluss beim „Get together“ Kontakte knüpfen konnte. Natürlich waren die sprachlichen Hürden groß, aber zum Glück standen einige Dolmetscher zur Verfügung.

Kesselhaut: Nein. Um tatsächlich miteinander ins Geschäft zu kommen, muss man in Japan viel mehr Zeit als in Europa investieren. Und das Wichtigste ist: Man muss die kulturellen Gepflogenheiten kennen und beherrschen. Das lässt sich nicht im Rahmen einer Reise von wenigen Tagen erlernen. Das kann das Programm nicht leisten. Dazu müsste der Bereich des „kulturellen Dolmetschens“ – wenn man das so sagen kann – noch viel weiter ausgebaut werden.

Kesselhaut: Deutsche und Japaner haben sehr viel gemeinsam, wie zum Beispiel Pünktlichkeit, Sauberkeit, die Verbindlichkeit und Akzeptanz von Verträgen und geistigem Eigentum. Dennoch gibt es große Unterschiede. Europäerinnen und Europäer sind in der Regel wesentlich offener und sagen direkt, wenn sie beispielsweise etwas nicht mögen. Das wirkt auf Japanerinnen und Japaner aber eher vulgär.

Für uns Europäer ist es dagegen oft schwierig herauszufinden, was Japanerinnen und Japaner eigentlich genau meinen, wenn sie etwas sagen. Ich habe zum Beispiel einmal eine Übersicht mit den Namen deutscher Künstlerinnen und Künstlern an einen japanischen Partner geschickt, der mir daraufhin sagte: „Die Künstlerin xyz ist auch gut.“ Ich habe erst später verstanden, dass er mit „auch gut“ meinte, dass er genau mit dieser Künstlerin arbeiten wollte. Ich erlebe also immer noch Überraschungen im Austausch mit meinen japanischen Geschäftspartnern, obwohl ich aufgrund meiner Aufenthalte und meines Studiums mit den japanischen Gegebenheiten doch ziemlich vertraut bin. Fragen Sie mich nicht, wie viel Sake ich trinken und Karaoke ich singen musste, bevor es zum Geschäftlichen kam. Das war natürlich gewöhnungsbedürftig, aber es hat sich gelohnt. Heute arbeiten wir eng zusammen.

Kesselhaut: Ich arbeite in Japan mit einer Eventagentur zusammen und veranstalte Live-Konzerte und andere Unterhaltungsevents. Wir bringen Künstlerinnen und Künstler aus Japan nach Europa und umgekehrt. Außerdem vertrete ich ein Tech-Unternehmen aus Deutschland, das eine Video-Plattform betreibt und eigene Tools zur Verfügung stellt, um Videos multilingual zu gestalten und mit mehreren Sprachspuren, Übersetzungen, Untertiteln usw. zu erweitern. Hier erlebe ich großes Interesse von Seiten der Japaner, die sehr an Geschäftsbeziehungen mit Europa und den USA interessiert sind.

Kesselhaut: Er war auf jeden Fall sehr gut, um einen ersten Eindruck vom japanischen Musikmarkt zu bekommen und Kontakte zu knüpfen. Wir haben viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AHK in Tokio kennengelernt, zahlreiche Veranstaltungen und sehr viele Unternehmen besucht und auf diese Weise erfahren, auf was Musik- und Entertainmentunternehmen, Radiosender usw. bei der Zusammenarbeit mit europäischen Partnern Wert legen. Und selbstverständlich war auch ein Karaokeabend dabei. Der darf bei einem Japanbesuch nicht fehlen.

Stand: Juli 2021