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13.09.2021 -

„Der Gewinn ist uns natürlich auch sehr wichtig, aber noch wichtiger sind uns die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen.“ Interview mit Lydia Hilebrand, Co-Gründerin des Verlags „& Töchter“.

Einleitung

Das Gründungsteam der &Töchter UG: Lydia Hilebrand, Elena Straßl, Jessica Taso, Sarah Zechel und Laura Nerbel (v.l.n.r.)

Das Gründungsteam der &Töchter UG: Lydia Hilebrand, Elena Straßl, Jessica Taso, Sarah Zechel und Laura Nerbel (v.l.n.r.)

© Studio Seidel

Fünf Frauen gründen einen Verlag. Allein das ist in der Buchbranche schon etwas Besonderes. Vor allem aber möchten die Münchener Buchwissenschaftlerinnen Lydia Hilebrand, Laura Nerbel, Elena Straßl, Jessica Taso und Sarah Zechel mit ihrem Verlag &Töchter UG (haftungsbeschränkt) neue Akzente im Literaturbetrieb setzen und beschränken sich dabei nicht nur auf das Verlegen von Büchern.

Frau Hilebrand, Sie haben zusammen mit vier Freundinnen den Verlag „& Töchter“ vor zwei Jahren gegründet. Wie kam es dazu?

Hilebrand: Am Anfang stand gar nicht der Verlag, sondern eine Lesereihe. Wir haben Lesungen an außergewöhnlichen Orten veranstaltet. Uns war es einfach wichtig – und den Satz sagen wir oft –, dass wir das Lesen wieder zum Gesprächsthema und die Literatur erlebbar machen wollen.

Sie sagten Lesungen an außergewöhnlichen Orten. Was waren das für Orte?

Hilebrand: Wir wollten Literatur an Orte jenseits von Buchläden, Literaturhäusern oder Theaterbühnen bringen. Die erste Lesung haben wir daher als Testlauf bei mir im Wohnzimmer veranstaltet. Der darauffolgende Termin fand dann in einem Gemüseladen statt, wo das Publikum sozusagen zwischen Zitronen und Basilikum saß. Im November 2019 waren wir dann in einem Boxstudio. Dort gab es zwischen den Lesungen immer noch einen Musik-Act oder einen Trainingskampf.

Bei diesen Lesungen haben Sie aber keine eigenen Werke vorgelesen, oder?

Hileband: Nein, wir haben damals Aufrufe gestartet, so dass sich Leute bei uns mit ihren selbstgeschriebenen Texten bewerben konnten. Wir haben dann eine kleine Auswahl getroffen und gemerkt, dass es ganz viele Menschen gibt, die gerne schreiben. Das Problem ist aber, dass ziemlich schwierig ist, einen Fuß in die Tür der Buchbranche zu bekommen. Man muss immer wieder Manuskripte an Verlage schicken und wird meistens abgewiesen. Unser Ziel war es daher, dass einfach jede und jeder einmal die Chance bekommt, seine eigenen Texte vor Publikum vorzutragen.

Und wie ist das angekommen?


Hilebrand: Sehr gut. Sowohl von Seiten der Presse – die Süddeutsche Zeitung hat zum Beispiel über uns berichtet – als auch von Seiten der Lesenden und der Besucherinnen und Besuchern, obwohl darunter bekennende Nicht-Leserinnen und -Leser waren.

Aber dann entstand die Idee, einen Verlag zu gründen?


Hilebrand: Genau. Wir haben ja alle fünf Buchwissenschaft - Verlagspraxis an der Ludwig-Maximilians-Universität hier in München studiert und hatten das Ziel, irgendwann in einem Verlag zu arbeiten. Nachdem das mit der Lesereihe so gut geklappt hatte, haben wir gedacht, wir probieren das jetzt einfach mal aus, und produzieren und vertreiben selber Bücher. Und daraus ist dann im Oktober 2019 der Verlag „& Töchter“ entstanden.

Und was unterscheidet Ihren Verlag von anderen Verlagen?


Hilebrand: Einerseits – damit gehen wir gar nicht hausieren, aber es wird uns oft gesagt –, dass wir fünf Frauen sind. Das ist wohl irgendwie etwas Besonderes. Und dass wir unabhängig sind. Bei uns steht kein Konzern im Hintergrund.

Hinsichtlich der Produktion unterscheiden wir uns dadurch von vielen anderen Verlagen, dass wir ausschließlich nachhaltig produzieren. Alle unsere Bücher werden als Printausgaben herausgegeben und werden nach dem Cradle-to-Cradle-Verfahren produziert, das heißt im Sinne der Kreislaufwirtschaft möglichst ressourcenschonend und abfallvermeidend. Da arbeiten wir eng mit einer Druckerei zusammen.

Bei Vermarktung und Vertrieb sind wir überwiegend digital aufgestellt. Uns war von Anfang an wichtig, dass wir uns auf den ganzen Social Media Kanälen wie Instagram und über unseren Newsletter sehr persönlich präsentieren und einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen.

Gibt es Autoren, Autorinnen mit bestimmten Genres, die Sie verlegen?

Hilebrand: Wir verlegen Bücher, die wir alle selbst lesen würden oder die wir politisch und gesellschaftlich einfach wichtig finden. Der Abstimmungsaufwand ist also ziemlich hoch, denn die Bücher müssen uns ja allen fünf gefallen. Ob Belletristik oder Sachbuch, spielt dabei keine Rolle. Bisher haben wir vor allem auf Trendthemen gesetzt. Bei unserem ersten Programm ging es beispielsweise um Nachhaltigkeit. Das zweite Programm ist feministisch, aber auch sehr divers.

Wie schaffen Sie es, dass Ihre Bücher im Handel auch tatsächlich platziert werden?

Hilebrand: Wir haben eine Vertriebskooperation mit dem Komplett-Media Verlag. Darüber ist uns der Brancheneinstieg erstmal gelungen. Dann haben wir natürlich auch einen eigenen Online-Shop. Aber der Großteil des Verkaufs geht über Buchhandlungen.

Sie haben auch eine Crowdfunding-Kampagne bei Startnext durchgeführt. Zu welchem Zweck?

Hilebrand: Zur Finanzierung unseres ersten Sachbuchs „Great Green Thinking“. Für den Videoclip haben wir von der Stadt München eine Förderung erhalten. Das hat super geklappt. Letztlich konnten wir über die Kampagne das Buch finanzieren und zugleich einen kleinen Markttest durchführen, um festzustellen, wie das Buch überhaupt ankommt, bevor es in die Produktion geht.

Würden Sie Crowdfunding als Finanzierungsquelle empfehlen?

Hilebrand: Ja, auf jeden Fall. Vorausgesetzt, das Gesamtkonzept stimmt. Man muss ein Produkt haben, dass die Leute auch wirklich überzeugt. Es reicht also nicht aus, dass man selbst sein Produkt oder seine Idee hervorragend findet, andere müssen es auch gut finden. Wir haben außerdem die Erfahrung gemacht, dass es gut ist, sich persönlich zu präsentieren und deutlich zu machen, was für Menschen hinter dem Produkt stehen.

Verstehen sie sich denn als Unternehmerinnen?

Hilebrand: Ja. Ich würde schon sagen, dass wir uns als Unternehmerinnen verstehen. Aber die Kulturbranche tickt doch immer noch ein bisschen anders.

Uns geht es vor allem darum, dass unsere Bücher diesen gesellschaftlichen Wandel mit anstoßen. Der monetäre Gewinn ist uns natürlich auch sehr wichtig, aber noch wichtiger sind uns die Inhalte, mit denen wir uns beschäftigen. Ich glaube, das ist es, was die Kulturbranche ein bisschen von anderen Branchen unterscheidet.

Kommen Sie überhaupt auf Ihre Kosten? Gerade für kleine Verlage ist das doch nicht so einfach.

Hilebrand: Ja, das ist auch für uns ein Problem, zumal wir auch nachhaltig produzieren. Da sind die Kosten einfach höher. Aber da wir noch am Anfang stehen, haben wir uns ein bisschen Vorlaufzeit gegeben. Die Buch- und Verlagsbranche ist einfach auch recht starr ist, das bedeutet es ist etwas schwierig, in die Vertriebsstrukturen reinzukommen.

Hinzu kommt, dass sie ein relativ großes Team sind. Entsprechend hoch muss der Umsatz sein.

Hilebrand: Das ist uns vollkommen bewusst. Uns ist klar, dass wir uns nicht ausschließlich über Bücher finanzieren werden. Wir versuchen daher noch ein paar andere Erwerbszweige aufzubauen. Wir haben zum Beispiel die Digitalberatung studio by & Töchter für Buchhandlungen aufgebaut. Damit möchten wir unseren Teil dazu beizutragen, dass die Branche etwas digitaler wird.

Was war denn für Sie die größte Herausforderung bisher?

Hilebrand: Ich habe dieses Jahr ein Kind bekommen, so dass der Spagat zwischen Selbständigkeit und Privatleben – ich will nicht sagen anstrengend, aber doch sehr interessant ist. Ich habe das Gefühl, die beiden Lebensbereiche balancieren sich gerade so ein bisschen aus. Aber natürlich hat man als Selbständige immer das Gefühl, dass man eigentlich mehr machen müsste, aber keine Zeit dazu hat, speziell, wenn man ein Kind hat.

Ja, das geht vielen selbständigen Frauen mit kleinen Kindern so.

Hilebrand: Eine weitere Herausforderung ist durchzuhalten und sich in den Branchenstrukturen zu etablieren. Wobei wir nicht das Gefühl haben, dass die Branche uns nicht aufnehmen möchte – im Gegenteil. Wir wurden sehr herzlich willkommen geheißen als neuer Verlag. Aber es wurde uns eben auch gesagt, dass die ersten Jahre schwer sind. Da muss man durch.

Und was lief bisher besonders gut?

Hilebrand: Wir wurden sehr gut aufgenommen von der Branche, das habe ich ja schon gesagt. Das ist etwas, was uns sehr viel Aufschwung gibt. Unsere Aktivitäten werden in der Branche sehr geschätzt. Der Verlag kommt an und die Bücher kommen auch an. Wir fühlen uns einfach sehr ernst genommen. Und das freut uns.

Stand: Juli 2021