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13.06.2018 -

Zunehmend in Mode: Fashion Tech

Einleitung

Damit fing bei Lisa Lang alles an: mit diesem Bild, wenn man nachts mit dem Flugzeug nach Berlin einfliegt und von oben die Straßenlaternen an den Straßen entlang sieht. Aus dem Bild ist ihre Idee für den „Berliner Mantel“ entstanden, aus Merino-Wolle, mit einem Innenfutter, in das eine lange Kette waschbarer LEDs eingearbeitet ist. Die leuchten, wenn man sie über eine Batterie einschaltet, durch die Wolle hindurch und zeigen das nächtliche Stadtbild von Berlin. „Natürlich fällt man damit auf, wenn man auf Veranstaltungen geht und im Dunkeln leuchtet. Da sind vor allem viele Frauen zu mir gekommen und haben gesagt, ey, das sieht ja toll aus. Wo kann ich diesen Mantel kaufen?“

Kaufen kann man diesen Berliner Mantel bei ihr. Lisa Lang hat sich nach zehn Jahren Festanstellung im Software-Engineering selbständig gemacht und damit angefangen, Mode und Licht unter einen Hut zu bringen. „Ich bin zwar Technik-Nerd, aber ich trage auch gerne gute Kleidung. Und es gab einfach nichts für mich auf dem Markt. Und dann habe ich mich vor vier Jahren einfach mal hingesetzt und mir Sachen gebaut. Die waren eigentlich für mich gedacht, weil ich dachte, ich bin die einzige durchgeknallte Person, die gerne hübsch aussehen und im Dunkeln leuchten möchte.“ Irrtum: Heute ist Lisa Lang Inhaberin der Firma ElektroCouture, „Mode, die leuchtet“ – ein Wearable-Technology-Studio mit Sitz in Berlin.

Lisa Lang ist eine der Expertinnen und Experten, die das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) für seine Expertise „FashionTech – Smart Textiles“ befragt hat. Diese Expertise im Auftrag des BMWi sollte – kurz gesagt – herausfinden, wie das Zusammenspiel vom Technik und Modedesign aussehen kann und welche wirtschaftliche Bedeutung es mittlerweile erlangt hat. „Eine allgemeingültige Definition für Fashion Tech haben wir dabei auch nicht gefunden“, gesteht Dr. Jörg Ohnemus, einer der Autoren der Studie. „Wenn man aber so ein bisschen in die Szene rein hört, dann geht es natürlich um die Verbindung und die Interaktion zwischen Technik und Design im Kleidungsbereich, auch um einen Entwicklungsprozess von Mode und Design, der maßgeblich technologisch getrieben wird.“

Wenn tatsächlich die Technologie in dieser Verbindung die erste Geige spielt, spricht man, so ist in der Kurzexpertise zu lesen, von Wearables. Damit gemeint sind Mode-Accessoires wie beispielsweise Uhren oder Brillen, die elektronisch aufgerüstet sind und sich als Kleincomputer am Handgelenk oder auf der Nase entpuppen. Auch Schmuckstücke, die leuchten, wie sie u.a. Lisa Lang anbietet. Oder die Schuhe mit LED-Leuchten, die Sebastian Thies 2014 den Titel eines Kreativpiloten verschafft haben. Wenn es in erster Linie um neuartige Stoffe und Kleidungsstücke geht, ist von smarten Textilien die Rede. Darunter versteht man intelligente Textilien mit Fasern, die Funktionen übernehmen können: zum Beispiel Informationen erfassen und transportieren, leuchten, heizen oder Vitalfunktionen überwachen.

„Die Versuche, Mode und Technologie zu verbinden, sind ja schon seit Jahren zu beobachten“, sagt Jörg Ohnemus. „Mit Rückschlägen zwar, wenn man an die Google Glasses denkt, die sich eben nicht durchgesetzt haben, weil die dann doch zu klobig und zu unpraktisch waren. Ich denke, der Bereich ist deswegen insbesondere für die Kultur- und Kreativwirtschaft von Interesse, weil er gerade für Designer durch die technologische Weiterentwicklung ganz neue Möglichkeiten bietet. Man spricht überall von Industrie 4.0. Im Prinzip ist Fashion Tech die Übertragung des 4.0-Konzepts auf die Design-Branche oder die Mode-Branche.“

Gerade der Sportswear-Bereich, so die Expertise, überträgt oftmals Technologien, die z.B. in der Raumfahrt schon länger genutzt werden, auf Sportbekleidung. So vermarkten die Sportartikelhersteller u.a. immer mehr Accessoires mit Sensorbauteilen, die Herz- und Atemfrequenz überwachen oder die Körpertemperatur messen. Oder auch die Umgebungstemperatur, wie etwa die Jacken mit Wärm- und Kältefunktion.

Für intelligente Arbeitskleidung wird intensiv nach leichter und widerstandsfähiger Schutzkleidung mit integrierten Körpersensoren oder textilen Antennen zur Ortung geforscht. Ein anderes Anwendungsgebiet könnte sich hier für Insekten-abwehrende Textilien eröffnen. Darüber hinaus wird aus medizinischer Sicht Spezialkleidung zunehmend interessant, die z.B. Patienten durch Elektrostimulation beim Reha-Training zu unterstützen vermag. Es geht hier aber auch um die Entwicklung neuer Implantate sowie um intelligente Textilien, die in der Wundheilung zum Einsatz kommen oder Vitalfunktionen überwachen sollen.

„Diese Appelle kennen wir doch schon seit Jahrzehnten“, bemerkt dazu Lisa Lang. „Wir brauchen mehr funktionale Kleidung. Und da haben dann verschiedene Entwickler verschiedene Ansätze auf den Tisch gelegt. Die Ergebnisse waren damals sehr technisch, die Ästhetik war zweitrangig. In der Fashion-Szene ist man heute dagegen sehr auf Ästhetik bedacht. Das war auch die Frage, die ich mir zu Beginn immer wieder gestellt habe: Wie schaffen wir das, Technologie tragbar zu machen und ins richtige Leben zu bringen.“

Frühe Ansätze, so Lisa Lang, stammten dabei z.B. von Anouk Wipprecht mit ihrem sogenannten Spider Dress. „Wenn man dem Kleid zu nahe gekommen ist, hat das oben an den Schultern Spinnenarme ausgefahren. Das Ganze ist mit elektronischen Entfernungsmessern bestückt und sieht toll aus. Die Idee dahinter war: Mein Kleidungsstück beschützt mich vor Angreifern. Oder nehmen Sie den Solar Sweater von Pauline van Dongen. Man trägt was Hübsches, das, wenn man in die Sonne geht, über tragbare Solar-Panels das Handy aufladen kann.“ Unter dem Strich habe sie über die Jahre Folgendes rausgefunden. „Die Kunden sagen immer wieder, ah, ich wusste ja gar nicht, dass das geht, und oh, das ist ja schön und super, und das passt ja auch, und es ist auch tolle Qualität. Und ich sehe damit nicht albern aus – ganz im Gegenteil.“

Wobei diese smarten Textilien beileibe nicht alles seien, was es unter dem Label Fashion Tech an Neuem gebe, so Anita Tillmann. Sie ist Vorstandsmitglied des Fashion Council Germany. „Die Digitalisierung hat alles verändert in der Branche – die Art und Weise, wie wir Mode verkaufen, die Art und Weise, wie wir sie konsumieren, wie wir das Thema Mode kommunizieren, die Bereiche Einzelhandel und E-Commerce natürlich, auch das Thema Textilien und Sustainability. Alles ist komplett auf den Kopf gestellt worden.“

Wobei eine ganz wichtige zusätzliche Entwicklung zu beobachten sei: Die Produktion von Prototypen durch 3D-Druck. „Der macht es möglich, sehr schnell auf den Markt zu reagieren. Wir haben hier in Berlin beispielsweise das Unternehmen Vojd-Studios. Die haben damals angefangen, Accessoires, Armbänder oder Schmuck, mit 3D-Technologie herzustellen. Das dauert, was weiß ich, drei Tage, und mit den Ergebnissen gehen die auf die Messen und sparen sich die ansonsten immensen Vorlaufkosten. Die liefern jetzt an Christan Dior.“

Die Erkenntnis, dass man mit Fashion Tech nicht nur nicht albern aussieht, sondern sich damit auch ein wachsender Markt entwickelt, zieht Kreise. Vor wenigen Jahren noch war die Berliner FASHIONTECH eine recht überschaubare Veranstaltung: eine Konferenz über die Zukunft der Mode, die sich mit Themen rund um Innovationen und Digitalisierung in der Modeindustrie beschäftigt. Zur Zielgruppe zählen Global Player, Einkäufer, Start-ups, Influencer, Marketingexperten und Journalisten. Zu Beginn kam hier nur eine Handvoll Fachleute zusammen und diskutierte über Wearables, ist in einem Rückblick der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Und auf einer kleinen Bühne präsentierten drei Labels ihre futuristischen Entwürfe.

Ganz so bescheiden sei es nun nicht gewesen, erinnert sich Anita Tillmann. Sie hat als Geschäftsführerin der Premium-Gruppe seinerzeit die FASHIONTECH, die nun zwei Mal im Jahr stattfindet, ins Leben gerufen. „Das ist quasi ein großes Treffen aller, die an dem Thema interessiert sind. Vor vier Jahren, zum Start, kamen immerhin etwa 800 bis 900 Menschen. In diesem Frühjahr waren es viereinhalbtausend Leute.“

Neben dem Macher-Interesse an Fashion Tech reagiert ganz offensichtlich auch der Markt positiv. Die Zukunft der Fashion Tech scheint viel versprechend, so das Fazit der ZEW-Expertise. Das weltweite Marktvolumen für smarte Textilien lag im Jahr 2017 bei rund 1,3 Milliarden Euro. Davon entfällt rund ein Drittel – insgesamt 464 Millionen Euro – auf den US-amerikanischen Markt. Der deutsche Markt weist aktuell ein geschätztes Volumen von 230 Millionen Euro auf.

Bis zum Jahr 2022 wird das weltweite Marktvolumen für Smart Textiles stark steigen, auf voraussichtlich knapp 4,7 Milliarden Euro. Die USA werden einer der bedeutendsten Märkte bleiben, mit einem geschätzten Marktvolumen für Smart Textiles von 1,7 Milliarden Euro. Auch die Umsätze auf dem deutschen Markt werden kräftig zulegen: auf voraussichtlich etwas mehr als 700 Millionen Euro.

Jörg Ohnemus: „Treiber für diese Entwicklung sind Technologie- und Designinnovationen. Die Textilindustrie gehört zur absoluten Spitzengruppe der innovativen Branchen in Deutschland, vergleichbar mit dem Maschinenbau. Und es ist davon auszugehen, dass sie damit gut für den nationalen und internationalen Wettbewerb aufgestellt ist.“

Das liege, so Jörg Ohnemus, nicht zuletzt daran, dass sich die technologische Aufgeschlossenheit potenzieller Kunden vergrößere. „Die lässt sich z.B. an der Verbreitung von Smartphones ablesen. Warum soll sich da eine Integration von diesen technologischen Funktionen in die Alltagskleidung nicht auch ein Stück weit durchsetzen?“

Im Kielwasser dieser Entwicklung rechnet das ZEW auch mit einer regen Gründungstätigkeit. „Die Design-Branche zeigt in den letzten Jahren schon eine eher positive Entwicklung bei den Gründungen. Und wenn man weiß, dass sehr viele Start-ups im Technologiebereich entstehen, auch in Deutschland, so kann man davon ausgehen, dass sich diese positive Tendenz fortsetzt.“

Dass der Markt für Fashion Tech in Bewegung kommt, ist auch Lisa Lang nicht verborgen geblieben, u.a. beim Thema Schutzkleidung. „Gerade in diesem Jahr wird es eine Auflage seitens der EU für persönliche Schutzausrüstung geben, die wegbereitend dafür sein soll, Elektronik tragbar zu machen zu können. Hier geht es beispielsweise um Licht. Es gibt ja mittlerweile diese reflektierenden Sicherheitswesten. Die funktionieren aber nur, wenn Licht da ist, das reflektiert werden kann. Und es gibt immer noch viele Unfälle, sogar Tote, auch in Deutschland, weil die Menschen im Dunkeln nicht gesehen werden. Es wird darum gehen, dass der Fashion- und der Technologiesektor miteinander reden und kooperieren. Dabei helfen wir.“

Helfen kann Lisa Lang auch den großen Textilfirmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. „Da kommen schon sehr viele zu mir und sagen, okay, wir verstehen jetzt langsam, wir müssen auch rein in die Fashion-Technologie, weil der Markt etwas Neues verlangt. Wir wissen aber nicht, was.“

„Natürlich sind wir mit der heutigen technologischen Entwicklung auch in der Lage, andere Stoffe herzustellen“, resümiert Anita Tillmann. „Das ist einfach der Fortschritt.“ Der habe vor allem etwas mit Funktionalität zu tun. Wenn man zwei Jacken habe, die vom Design und von der Qualität her gleich seien, aber die eine Jacke noch eine zusätzliche Funktion habe, die dem Träger das Leben erleichtere, dann nehme er die. Technologie habe ja auch immer etwas mit Bequemlichkeit, also Convenience, zu tun. „Bis jetzt ist ja die Kommunikation mit Textilien beschränkt auf das Outfit, auf den Style. In Zukunft lassen sich Kommunikations-Devices, wie etwa Twitter oder Facebook, mit Smart Textiles steuern.“

Oder der Ton des Smartphones leiser stellen oder die Ankunftszeit am Zielort ansagen lassen, wie es die Stadt-Radfahrerjacke eines großen Textilherstellers jetzt schon anbietet. „Fashion Tech wird immer wichtiger im Bereich des Internets der Dinge“, ergänzt Lisa Lang: „Smart Cities, Smart Mobility, der ganze Spaß.. Es geht nicht mehr nur um Bekleidung. Die Kleidung wird zur digitalen Schnittstelle.“

Wobei eins klar sein müsse, so Anita Tillmann: „Fashion Tech ist etwas, das den Modemarkt verändert und ergänzt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Deswegen werden Kaschmirpullover nicht vom Markt verschwinden.“

ZIM – Zentrales Innovationsprogramm Mittelstand

Was?
Das Zentrale Innovationsprogramm Mittelstand
(ZIM) soll die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen, einschließlich des Handwerks und der unternehmerisch tätigen Freien Berufe, unterstützen. Gefördert werden Einzelprojekte oder Kooperationen für Forschung und Entwicklung, außerdem Modellvorhaben und Leistungen zur Markteinführung.
Wie?
Die Förderung erfolgt durch nicht rückzahlbare Zuschüsse.
www.zim-bmwi.de

Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF)

Was?
Die Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung bietet insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen einen einfachen Zugang zu industrieorientierten Forschungsprojekten. So kommen sie leicht an Innovationsideen und Anstöße für die Weiterentwicklung von Produkten, Verfahren und Dienstleistungen.
Wie?
Die Förderung besteht in einer nicht rückzahlbaren Zuwendung zu den Projektkosten in den Forschungseinrichtungen. Unternehmen erhalten keine finanzielle Zuwendung.
www.aif.de

BMWi-Markterschließungsprogramm

Was?
Ziel des Markterschließungsprogramms ist es, kleine und mittlere Unternehmen durch Informationsvermittlung und Kontaktanbahnung in attraktive ausländische Märkte zu begleiten und das vorhandene Exportpotenzial in diesen Bereichen zu fördern.
Wie?
Angeboten werden die Module:

  • Informationsveranstaltungen
  • Markterkundung (ggf. in Verbindung mit Auslandsmessebeteiligungen)
  • Geschäftsanbahnung – Einkäufer- und Informationsreisen

Bei Nutzung der Module „Markterkundung“ und „Geschäftsanbahnung“ wird von den teilnehmenden Unternehmen vor Reisebeginn ein Eigenanteil erhoben.
www.ixpos.de

Förderdatenbank des Bundes:

Die Förderdatenbank bietet einen Überblick über die Förderprogramme des Bundes, der Länder und der Europäischen Union. Im Mittelpunkt stehen Förderhilfen für Existenzgründer und Selbständige sowie für kleine und mittlere Unternehmen der gewerblichen Wirtschaft.
Mittlerweile können Interessierte sowie Berater in der Förderdatenbank zielgenauer nach passenden Förderprogrammen speziell für die Kultur- und Kreativwirtschaft suchen. Unter „Förderberechtigte“ ist in der Detailsuche für einzelne Programme nun bei den Branchen auch die Kultur- und Kreativwirtschaft aufgeführt.
www.foerderdatenbank.de

FASHION COUNCIL GERMANY

Fort- und Weiterbildung von Modedesignerinnen, -designern und Designnachwuchs

  • Fellowship-Programm: unterstützende Kooperationen von Unternehmen und Jungdesignerinnen und -designern
  • Mentoring: über einen Zeitraum von 12 Monaten mit erfahrenen Coaches
  • Young-Talent-Stipendium: eine monatliche finanzielle Förderung nach dem ersten Semester und ein studienbegleitendes Mentoring
  • Design-Center: Austausch, Workshops, Nutzung von Räumen und Ressourcen

Fashion-Tech-Know-how

  • Material: Intelligente und innovative Fasern und Textilien
  • Technologie und 3-D-Druck: Konzeptionierung und Visualisierung von Mode mithilfe technischer Programme
  • Digitale Präsenz und Social Media: ansprechende und benutzerfreundliche Webseite und gepflegte Social-Media-Kanäle
  • E-Commerce: Online-Shop oder Verkauf über einen Online-Versandhändler
  • Recherche: Trend-Research-Portale für Designerinnen und Designer
    http://www.fashion-council-germany.org

Auch einzelne Bundesländer (z.B. Berlin) bieten Unterstützung im Bereich Mode und Fashion Tech an.

Weiterführende Informationen