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23.10.2019 -

Frauen in der Kultur- und Kreativwirtschaft Wie sieht es mit dem Anteil der Frauen in der Kultur- und Kreativwirtschaft aus? Welche Rolle spielen Frauen in verschiedenen Branchen? Wie verändert sich diese Rolle? Überblick und Beispiele.

Einleitung

Frustrierend und fast empörend: So reagierte Kulturstaatsministerin Monika Grütters im Frühjahr 2017 auf die Ergebnisse der Studie „Frauen in Kultur und Medien“: erarbeitet vom Deutschen Kulturrat, von ihrer Behörde gefördert. Danach waren Frauen in der Kultur- und Medienbranche nach wie vor unterrepräsentiert, in Jurys und Gremien, vor allem aber in Chefetagen: 80 Prozent aller Bühnen-Intendanten und 98 Prozent aller Chefredakteure in Deutschland waren Männer. Auch bei der Präsenz auf dem Kunstmarkt oder der Nutzung von Fördergeldern gehe es bei weitem nicht paritätisch zu. Ebenso frustrierend sei, dass Frauen als Journalistinnen, als Künstlerinnen, als Kreative immer noch deutlich weniger verdienen als Männer, im Durchschnitt 24 Prozent weniger. Vor allem bei Freiberuflern klaffe der sogenannte Gender Pay Gap: Künstlerinnen verdienen 33 Prozent weniger als Künstler. Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt lag der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen über alle Branchen „nur“ um 21 Prozent niedriger als der von Männern.

Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2018

Ins Bild passen hier die Ergebnisse des „Monitoringberichts Kultur- und Kreativwirtschaft 2018". Er hat auf Basis des Mikrozensus berechnet, dass im Jahr 2017 nur wenig mehr als ein Drittel (38,6 Prozent) aller Erwerbstätigen in der Kultur- und Kreativwirtschaft weiblich ist. Die meisten sind im Buchmarkt und im Kunstmarkt tätig (sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigte). Deutlich unterdurchschnittlich vertreten sind Frauen in der Software-/Games-Industrie.

Insgesamt nimmt der Frauenanteil in der Kultur- und Kreativwirtschaft schon seit Jahren ab, zusammengerechnet um zwei Prozentpunkte seit dem Jahr 2009. Interessant ist: Der Frauenanteil in der Kreativbranche liegt zwar deutlich unter deren Anteil in der Gesamtwirtschaft. Das gilt auch für den Bereich der abhängig Beschäftigten. Bei den Selbständigen erreicht der Frauenanteil in der Kultur- und Kreativwirtschaft dagegen wie auch im Vorjahr 41,5 Prozent. Damit sind in der Kultur- und Kreativwirtschaft deutlich mehr Frauen selbständig als in der Gesamtwirtschaft (33,2 Prozent).

Frauenanteil in der Kultur- und Kreativwirtschaft 2009 bis 2017 (in Prozent)

Infografik zum Frauenanteil

Quelle: Monitoringbericht Kultur- und Kreativwirtschaft 2018. Langfassung. Studie i.A. des BMWi. 2019


Diversitätsberichte des Bundesverbands Regie e.V.

Als im Jahr zuvor, im Sommer 2016, Maren Ade mit Toni Erdmann als erste Frau fünf Europäische Filmpreise gewann, sei das bei vielen so aufgenommen worden wie ein Regenguss nach langer Dürre, schrieb damals der Berliner Tagesspiegel. Der deutsche Film war wieder da. Und zusammen mit ihm eine deutsche Filmemacherin. Dass der Film und seine Regisseurin im Rennen um den Auslands-Oscar dann leer ausgingen, konnte diese Freude kaum trüben.
Die Statistik zur Geschlechterverteilung im Mediengeschehen bietet dagegen kaum Anlass zur Freude, allen voran die Diversitätsberichte des Bundesverbands Regie e.V. Sie wollten herausfinden, ob die Schieflage bei den Geschlechtern im Filmbusiness tatsächlich so schlimm ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht. Ergebnis: Sie ist sogar noch schlimmer.

So wurde laut aktuellem Diversitätsbericht (2017) nur jeder 5. Kinofilm von einer Frau inszeniert (22 Prozent). Dazu kommt, dass Filme von Frauen in der hohen Budgetgruppe von über 5 Millionen Euro unterrepräsentiert sind. Im Fernsehen, bei der ARD, führen bei 19,8 Prozent der Sendezeit Frauen Regie, beim ZDF sind es gerade mal 16,9 Prozent. Bei RTL haben Frauen immerhin noch bei 30,5 Prozent der fiktionalen Senderzeit das Sagen, vor allem bei Soap-Operas. Unter dem Strich haben Männer bei vier von fünf Fernseh-Sendeminuten (79,9 Prozent) das Heft in der Hand. Dabei sind zwar geringfügige Zuwächse bei weiblicher Regie gegenüber den Vorjahren zu verzeichnen: vor allem aber im Vorabendprogramm und bei Formaten bis 60 Minuten Länge. Insgesamt bestätigen somit die Diversitätsberichte das Bild eines vor allem von Männern geprägten Berufsstandes, obwohl an den staatlichen Filmhochschulen seit den 1990er Jahren mehr als 40 Prozent Frauen ausgebildet werden.

Studie des Instituts für Medienforschung der Universität Rostock:
„Audiovisuelle Diversität? Geschlechterdarstellungen in Film und Fernsehen in Deutschland“

Auch die detaillierte Analyse von über 3.000 Stunden TV-Programm aus dem Jahr 2016 und über 800 deutschsprachigen Kinofilmen aus den vorangegangenen sechs Jahren hat ergeben: Frauen kommen in deutschen audiovisuellen Medien seltener vor. Über alle Fernsehprogramme hinweg kommen auf eine Frau zwei Männer. Bei den Fernsehvollprogrammen kommt ein Drittel der Programme ganz ohne weibliche Protagonistinnen aus (zum Vergleich: nur 15 Prozent ohne männliche Protagonisten). Wenn Frauen gezeigt werden, kommen sie häufiger im Kontext von Beziehung und Partnerschaft vor. Es gibt allerdings eine Ausnahme: In Telenovelas und Daily Soaps ist die Geschlechterverteilung in Deutschland paritätisch. Nebenbei: Initiiert hat die Untersuchung die Schauspielerin Dr. Maria Furtwängler, auch bekannt als Tatortkommissarin Lindholm.

Welt-Mädchenbericht

Der Welt-Mädchenbericht 2019 mit dem Titel „Schreib ihre Geschichte neu! Wie Filme und Stereotype in den Medien das Leben und die Ambitionen von Mädchen und jungen Frauen beeinflussen“ hat die 56 umsatzstärksten Filme aus dem Jahr 2018 in 20 Ländern auf Genderstereotypen untersucht und stellt fest: Keine einzige Frau hat bei den Top-Filmen Regie geführt. Nur bei jedem zehnten Film war eine Frau am Drehbuch beteiligt. Dazu kommt, dass Männer doppelt so viel reden wie Frauen und auch doppelt so viele Rollen in den Filmen haben. Zahlenmäßig liegen die Frauen laut der von Plan International herausgegebenen Studie nur in einem Punkt vorn: Sie sind viermal so oft nackt und doppelt so häufig halbnackt zu sehen.

In Film und Fernsehen sei es so, wie im Leben ansonsten auch, sagt Prof. Susanne Stürmer: Je höher in den Hierarchien, desto geringer der Frauenanteil. Susanne Stürmer ist Präsidentin der Filmuniversität Babelsberg KONRAD WOLF. Aber: „Wenn wir uns die Ausbildung – und für die stehe ich ja als Präsidentin einer großen Filmhochschule – angucken, dann sehen wir, hier sind die Frauen nicht unterrepräsentiert. Vielmehr ist es so, dass wir bei den Studierenden wirklich ein Pari-Pari-Verhältnis haben. Das unterscheidet sich jedoch immer ein bisschen nach Studiengängen. Es gibt welche – und das sind klassisch die eher technischen Studiengänge –, in denen wir weniger Frauen haben als Männer.“

Für mehr Gendergerechtigkeit zu sorgen, fange dabei bei den Lehrenden an. „Es ist ein erklärtes Ziel, dass wir den Anteil der weiblichen Lehrenden vergleichbar halten mit dem männlichen. Das gelingt noch nicht immer, muss man leider klar sagen. Im akademischen Mittelbau haben wir ungefähr ein hälftiges Geschlechterverhältnis. Bei den Professorinnen und Professoren ist es anders. Da ist das Verhältnis 30:70, ähnlich wie an den meisten anderen Hochschulen auch.“

Darüber hinaus sei man an der Filmuniversität bestrebt, den weiblichen Studierenden ein gutes Rüstzeug für die Praxis mitzugeben. So hat man, zusammen mit einer Absolventin, die sich auch in ihren Filmen sehr für das Thema „Frauen in der Film-Branche“ engagiert hat, ein Programm „Into the Wild“ gestartet, gemeinsam mit allen großen Filmhochschulen bundesweit. „Das ist im Grunde ein Netzwerkprogramm für Studierende in den letzten Jahren ihres Studiums oder in der ersten Zeit danach. Im Kern ist es ein Drehbuch-Workshop, an den sich diverse Weiterbildungs- und Coachingveranstaltungen anschließen. Immer entlang der Fragestellung: Wie präsentiere ich mich als Frau in dieser Branche, in dem Beruf? Wie vermeide ich typische Frauenfallen? Wie baue ich mir ein tragfähiges Netzwerk aus?“

Unter typischen „Frauenfallen“ versteht Susanne Stürmer dabei einerseits eine tendenziell geringer ausgeprägte Neigung zur Selbstdarstellung und zur Netzwerkbildung. „Andererseits kommt eine Besonderheit der Branche dazu: die unregelmäßigen Arbeitszeiten. Wenn es denn darum geht, Familie und Beruf miteinander zu verbinden, dann sind es doch eher die Frauen, die an der Stelle zurückstecken und ihrem Beruf nicht mehr nachgehen können.“ Into the Wild startet jetzt im zweiten Durchgang.

Frauenförderung in Medienunternehmen – ein Programm der Filmuniversität

Erforderliche Verbesserungen im Personalmanagement von Medienunternehmen anzuschieben: Das ist ein Ziel des Programms sparkx, dass die Filmuniversität über ihr Erich Pommer Institut im Rahmen ihres Gründerservice anbietet. „Das ist eine Weiterbildung für Unternehmen der Branche. Firmen entsenden Frauen in dieses vom Europäischen Sozialfonds geförderte Programm, denen wir dann ganz gezielte Skills vermitteln: Präsentation, Selbstvermarktung, individuelle Karriereplanung, persönliche Prioritätensetzung.“ Der Gründungsradar des Stifterverbandes hat den Gründungsservice der Filmuniversität zum besten Gründungsservice deutschlandweit gekürt - unter den kleinen Hochschulen bis 5.000 Studierende.

Wo mehr Technik, da weniger Frauen: Diesen Schluss lässt auch das aktuelle „Monitoring zu ausgewählten Eckdaten der Kultur- und Kreativwirtschaft“ zu. So sind Software- und Games-Industrie sowie die Architektur- und Ingenieurbüros in der Regel Tätigkeitsbereiche mit technischem Schwerpunkt, in denen Frauen bisher eher seltener vertreten sind. Dass diese Formel aber nicht immer greift, belegt Linda Kruse. Sie ist Mitgründerin und Geschäftsführerin der Games-Entwicklungsfirma The Good Evil mit Sitz in Köln, zudem im Vorstand von game – Verband der deutschen Games-Branche e.V. Ihre Firma produziert seit rund sechs Jahren digitale Spiele mit Lerninhalten für verschiedene Zielgruppen, unter anderem für Kinder und Jugendliche, hauptsächlich auch für Mädchen, die sich mit Hilfe des Spiels ihr Selbstbewusstsein stärken und sich neue Fähigkeiten aneignen sollen: nicht zuletzt, um auch technische Ausbildungsberufe in Erwägung zu ziehen. Dass sie selbst als Frau in der technik-affinen Games-Branche eher noch die Ausnahme ist, ist Linda Kruse bewusst. „Das sind schon wenige. Aber alleine bin ich jetzt nicht. Da tut sich auf jeden Fall sehr viel, gerade im Games-Bereich. Das stellen wir auch bei uns im Unternehmen fest: the Good Evil hat derzeit einen Frauenanteil von 70 Prozent. Das liegt zum einen daran, dass es seit ein paar Jahren bessere Ausbildungsmöglichkeiten gibt, dass insgesamt der Nachwuchs stärker wird und halt immer mehr Frauen auch aus dem Studium rauskommen. Die Geschlechterverteilung verändert sich auf diese Weise, und damit gibt es auch natürlich mehr Frauen, die die Chance ergreifen, sich in der Games-Branche selbständig zu machen.“

Mehr Frauen, neue Spiele-Formen

Zum anderen, so Linda Kruse, gebe es seit einigen Jahren auch andere Arten von Spielen, Spiele, die Frauen besser finden als die Spiele, die zuvor das Games-Bild bestimmt haben. „Wenn man sich das klassische Spiele-Marketing der Achtziger-, Neunzigerjahre anguckt: Da wurden ja hauptsächlich Jungen beworben. Also die typischen Ego-Shooter Spiele, andere sehr kompetitiv, sehr schnell. Solche Spiele gibt es immer noch, aber es muss nicht unbedingt gleich Blut fließen.“

So gebe es heute viele Spiele für beiden Geschlechter und mit ganz anderen Ansprüchen. „Mit neuen Spielformen, die tiefere Geschichten mit vielfältigen Charakteren erzählen, wo emotionale und soziale Themen viel stärker in den Spielen verankert sind und das Spielprinzip an sich – schnell irgendwas gewinnen und erreichen – nicht mehr so im Vordergrund steht. Und da sagen Frauen mittlerweile auch eher: Ah, da würde ich auch gerne dran beteiligt sein. Das heißt, das Ansehen, die Akzeptanz von Spielen als Kulturgut hat mittlerweile dazu beigetragen, dass die Games-Industrie auch für ein weibliches Publikum interessanter wird. Und damit natürlich auch für eine Selbständigkeit in der Branche.“

Dieses Interesse habe mittlerweile jede Menge unabhängige Entwickler, die nicht mehr einem großen Publisher unterliegen, sondern sich selbst vermarkten. Lindas Kruse: „Und auf diesem Weg haben sie die Möglichkeit, ihre Konzepte genauso, wie sie sie sich vorstellen, umsetzen.“
Wer sich auf diesen Weg mache, der müsse wissen: Sie oder er ist nicht allein. „Die Branche an sich ist sehr klein. Das heißt, die meisten Leute kennen sich untereinander. Und Netzwerken ist sehr wichtig für Selbständige, gerade auch für Frauen, die hier angeblich zurückhaltender sind als Männer. Man sollte z.B. keine Scheu haben, auf Konferenzen zu gehen. Es gibt in Deutschland drei große Entwicklerkonferenzen, die einen sehr starken Spiele-Fokus haben: die Quo-Vadis-Konferenz im April, die gamescom und die GermanDevDays. Das sind allesamt Branchen-Treffen, an denen man günstig oder kostenlos teilnehmen kann und sehr schnell Kontakt zu Leuten bekommt, die einem weiterhelfen können. Nicht zu vergessen den Bundesverband game. Wir sind natürlich auch eine gute Anlaufstelle für angehende Indis. Das Wichtigste ist, Fragen zu stellen und keine Angst zu haben, dass die Leute nicht mit einem reden wollen.“

Die Situation von Frauen in Kultur und Medien zu ändern, hatte sich bereits im Frühjahr 2017 auch die Kulturstaatsministerin auf die Fahnen geschrieben. Sie hatte daraufhin einen Runden Tisch ins Leben gerufen. Eingeladen waren rund 60 Vertreterinnen und Vertreter aus dem Kultur- und Medienbereich. Ergebnis: die Einrichtung des "Projektbüros Frauen in Kultur und Medien" beim Deutschen Kulturrat. Das bietet u.a. ein spartenübergreifenden 1:1-Mentoring-Programm an, das Künstlerinnen und Frauen im Kultur- und Medienbereich durch konkrete Beratung und praxisbezogene Unterstützung dazu befähigen soll, Führungspositionen erfolgreich einzunehmen. Darüber hinaus gibt das Projektbüro Dossiers heraus, die der Zeitung Politik & Kultur beigelegt werden. Die rund 60-seitigen Beilagen sollen das Thema Geschlechtergerechtigkeit im Kultur- und Medienbereich feuilletonistisch behandeln. Und es sorgt für eine individuelle Künstlerförderung, hier insbesondere mit Blick auf Gremienzusammensetzungen.

Unter dem Strich will das Projektbüro als Anlauf- und Beratungsstelle für „Kulturfrauen“ für bessere Aufstiegschancen von Frauen, mehr Mitsprache in Gremien und Jurys, faire Bezahlung und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sorgen. Die Staatsministerin fördert das Büro aus ihrem Etat.

 

Apropos reden: Im Rahmen der BMWi-Initiative „Frauen unternehmen“ berichten seit Oktober 2014 bundesweit über 120 Unternehmerinnen ehrenamtlich in Schulen und Hochschulen von ihrem Weg in die Selbständigkeit und was sie tagtäglich daran begeistert. In Veranstaltungen mit Schülerinnen, Auszubildenden, Studentinnen und Hochschulabsolventinnen sowie mit weiteren gründungsinteressierten Frauen berichten sie über Chancen und Anforderungen der beruflichen Selbständigkeit und geben einen realistischen und sehr persönlichen Einblick in den unternehmerischen Alltag. Sie sind damit „role models“, wichtige Vorbilder für die nachwachsende Generation von Managerinnen und Unternehmerinnen. Denn obwohl sich immer mehr Frauen in Deutschland entscheiden, ihre eigene Chefin zu sein, ist der Berufswunsch „Unternehmerin“ für viele noch nicht selbstverständlich. Nur jedes dritte Unternehmen wird von einer Frau geführt.

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