Navigation

29.10.2019 -

Landlust und Landliebe: Wie wichtig ist die Kultur- und Kreativwirtschaft für ländliche Räume? Kultur- und Kreativwirtschaft im ländlichen Raum: Das ist das Schwerpunktthema des Monitoringberichts Kultur- und Kreativwirtschaft 2019. Mit dem Thema ist auch Jennifer Aksu vom Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes vertraut.

Einleitung

Kultur- und Kreativwirtschaft im ländlichen Raum: Das ist das Schwerpunktthema des Monitoringberichts Kultur- und Kreativwirtschaft 2019. Er macht u.a. deutlich, dass Unternehmen da zu finden sind, wo Menschen leben, also eher in dichter besiedelten Regionen mit einer höheren Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen. Das gilt auch für die räumliche Verteilung der Unternehmen der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland. Deren Zahl auf dem Land? Eher gering, die Wahrnehmung des Potenzials kultureller und kreativer Leistungen ausbaufähig. Das Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat sich damit beschäftigt, wie Kultur- und Kreativwirtschaft auf die komplexen Bedürfnisse ländlicher Räume eingehen kann. Vor allem Jennifer Aksu ist hier mit dem Thema vertraut.

Jennifer Aksu: Wir sprechen bewusst nicht von DEM ländlichen Raum, sondern von ländlichen RÄUMEN, weil die Herausforderungen genauso mannigfaltig sind wie die Unterschiedlichkeiten der ländlichen Regionen im gesamten Bundesgebiet. Das fängt beim demografischen Wandel an. Das heißt, Bevölkerung wird immer älter in ländlichen Räumen. Viele junge Leute zieht es in wirtschafts- und erwerbsstärkere Regionen. Entsprechend leeren sich teilweise die ländlichen Räume. Das ist beispielsweise in Brandenburg so. Auf der anderen Seite gibt es ländliche Räume, die werden immer voller. Im Wendland etwa. Da ist die Herausforderung nicht die Abwanderung, sondern eher der Mangel an bezahlbarem Wohnraum und die Schwierigkeit, neue Zu- oder Rückzügler unterbringen zu können. Dann gibt es Regionen, deren Identifikation sich vollständig wandelt. In den ehemaligen Kohleabbaugebieten Richtung Lausitz zum Beispiel. Das hat etwas mit einer neuen Lebensrealität in diesen Regionen zu tun, aber auch mit einem notwendigen neuen Selbstverständnis. Oder nehmen Sie die Diskussion über touristische Nutzung von ländlichen Räumen. Das Bild, was wir jetzt noch vielleicht vom Alpenraum oder Schwarzwald als Tourismus-Idyll im Kopf haben, wird sich über kurz oder lang verändern müssen, z.B. aus Naturschutzgründen. Und in all diesen Fällen kann Kultur- und Kreativwirtschaft gestaltend eingreifen und neue Wege aufzeigen.

Jennifer Aksu: Erst einmal ganz einfach dadurch, dass Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft in diese ländlichen Räume ziehen. Nehmen wir den Hof Prädikow. Der ist gute 50 Kilometer von Berlin weg im Brandenburgischen und ein klassisches Beispiel dafür, wie Kultur- und Kreativwirtschaft Leerstellen füllen kann. Das ist ein Vierseitenhof, der stand seit vielen Jahren leer. Der wird jetzt saniert, umgebaut und dann auch bewohnt und bearbeitet von mehr als 40 kultur- und kreativwirtschaftlichen Akteuren. Mit neuen Menschen also, die Lust haben, diese Region wieder aufleben zu lassen, zu nutzen, wieder auf die Karte zu bringen. Diesen Leuten geht es nicht darum, ein schönes Wochenendausflugsziel für sich als Städter zu kreieren, sondern da geht es wirklich um eine Lebensentscheidung: Ich verlagere meinen kompletten Lebens- und Arbeitsort in diesen ländlichen Raum.

Jennifer Aksu: Nein, natürlich nicht. Diese Menschen sind meistens in einem Alterssegment zwischen 20 und Mitte 40. Das heißt, da findet ein demografischer Wandel in die andere Richtung statt. Und dadurch werden neue Anreize für Strukturentwicklung geschaffen. Beispielsweise für Bahnhöfe, die neu belebt werden, dadurch dass wieder mehr Leute dazu ziehen. Oder Ärzte, die sich in ländlichen Regionen wieder ansiedeln, wo es vorher keine medizinische Versorgung gab und dergleichen mehr.

Jennifer Aksu: Hier geht es nicht mehr um „Leerstellen füllen“, sondern um „volle Stellen teilen“. Das Wendland ist – im für jüngere Menschen bezahlbaren Segment - voll. Wenn es da überhaupt noch Vierseitenhöfe à la Prädikow geben sollte, dann sind die extrem teuer. Wenn man jetzt aber möchte, dass auch da sich die Bevölkerung verjüngt und auch weiterhin durchmischt und lebendig bleibt, muss man Möglichkeiten schaffen, dieses volle Wendland irgendwie gemeinsam wohn- und nutzbar zu machen. Und auch da gibt es Impulse aus der Kultur- und Kreativwirtschaft, ungewöhnliche Wege zu begehen. Auf dem InnovationCamp Landsichten, das das Kompetenzzentrum veranstaltet hat, wurde eine Art Rahmenprogramm entwickelt für die Realisierbarkeit von Tiny Houses: als „Land auf Probe“-Wohnmöglichkeit für Menschen, die das Landleben erst mal ausprobieren wollen.

Jennifer Aksu: In einem Projekt bzw. Reallabor des Kompetenzzentrums, der PHASE XI, haben unterschiedliche Akteure aus den Bereichen Design, Theater, Regionalentwicklung zusammen mit Einheimischen und Touristen dazu gearbeitet, wie Kultur- und Kreativwirtschaft andere Lebens- und Wirtschaftsformen erzeugen kann. Da gibt es viel Land, wenig Internet, wenig Ablenkung, viel Leerstand. Entstanden ist beispielsweise die Zukunftsakademie in Rätikon, in der junge Künstler, Architekten und Wissenschaftler mit den lokalen Akteuren mögliche Zukunftsszenarien entworfen haben, und zwar in einem Netzwerk leerstehender Schulhäuser.

Jennifer Aksu: Da gibt es viele Möglichkeiten. Nur ein Beispiel: Vor einigen Jahren hat sich die Regionalwert AG Hamburg gegründet – eine Bürgeraktiengesellschaft für kleinere Landwirtschaftsbetriebe in Norddeutschland, um für das Überleben der regionalen Lebensmittelproduktion und damit vieler Arbeitsplätze zu sorgen. Mit von der Partie sind nicht bloß Landwirte oder Gastronomen, sondern auch Food-Designerinnen. Hier kommt also die Kultur- und Kreativwirtschaft ins Spiel, die als Querschnittsbranche auch Schnittstellen mit dem Food-Bereich hat.

Jennifer Aksu: Kreatives Wirtschaften in ländlichen Räumen ist risikoreicher als in städtischen Räumen. Das heißt, wenn ich über Leben und Arbeiten als Akteur der Kultur- und Kreativwirtschaft in ländlichen Räumen nachdenke, muss mir bewusst sein, dass ich weniger gut vorhersagen kann, wie und ob das funktionieren wird. Auf der anderen Seite ist es sehr viel kooperativer und weniger kompetitiv. Und das macht eben die Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft aus, anders als vielleicht im klassischen Handwerk: der Wille, sich zu connecten.

Jennifer Aksu: Natürlich ist da auch die Landbevölkerung mit im Boot. Das liegt ja auf der Hand: Für die Arbeiten an einem Hof, der umbau- und sanierungswürdig ist, beauftrage ich lokale Handwerksbetriebe, ich beauftrage lokale Produktionsstätten, lokale Baubedarfe und binde allein schon dadurch die Bevölkerung ein. Was Akteure aus der Kultur- und Kreativwirtschaft zudem gut können, ist, genau die richtigen Geschichten erzählen. Was war das mal für ein Hof? Wie sah der mal aus? Wer aus dem Dorf weiß darüber noch etwas? Allein das Interesse daran bedeutet, dass ich mit der lokalen Bevölkerung in Dialog trete und die auch als Ressource nutze.

Jennifer Aksu: Indem ich beispielsweise Defizite erkenne und diese auch als Chance verstehe: Oh Gott, hier gibt es gar nichts, keinen ÖPNV, nur schlecht ausgebaute Straßen. So war das auch in Reichenow in Brandenburg. Das gibt es seit 25 Jahren einen Verein, der die alten Stallungen des Schlosses ausgebaut hat. Die haben dort vor langer Zeit, noch bevor es Apps gab, beispielsweise Mitfahrgelegenheiten organisiert – ganz einfach über Aufkleber. Die konnte man sich vorne auf seine Windschutzscheibe kleben, gut sichtbar, und jeder konnte sich dann an die Straße stellen und einfach den Daumen raushalten und wusste, wenn er den Aufkleber sah: Das ist jemand, der mich gerne mitnimmt.

Es ist ganz klar, dass man da bei den Verwaltungen auf ein offenes Ohr stoßen muss, um als Kultur- und Kreativwirtschaftler Impulse nachhaltig etablieren zu können. Das ist nicht immer einfach. Besonders aufgeschlossen ist da das Netzwerk der jungen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister. Die sagen schon von sich selbst, dass sie eine andere, junge Sicht auf die kommunalen Dinge verbindet. Und natürlich die immer ähnlichen Herausforderungen vor Ort.

Weiterführende Informationen