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14.07.2021 -

„Verändert hat sich viel, vielleicht sogar mehr, als wir erwartet hatten.“
Interview mit Veronika Busch, „fint e.V. - Gemeinsam Wandel gestalten“, und Beate Kasch, Stadtwerke Rostock AG.

Einleitung

Beate Kasch, Quelle: Stadtwerke Rostock AG

Beate Kasch

© Stadtwerke Rostock AG

Veronika Busch, Quelle: Matthias Marx

Veronika Busch (rechts) im Gespräch mit Teilnehmer/-innen der Innovationswerkstatt 2017

© Matthias Marx

Was führt einen regionalen Energieversorger wie die Stadtwerke Rostock AG (SWRAG) dazu, sich bei der Entwicklung neuer Ideen von freiberuflichen Kreativschaffenden, Künstlerinnen und Künstlern unterstützen zu lassen? Das haben wir Beate Kasch von den Stadtwerken Rostock AG und Veronika Busch, Vorstandsmitglied des fint e.V. - Gemeinsam Wandel gestalten, gefragt.

Kasch: Unsere Kunden erwarten von uns zunehmend Services aus einer Hand für ihre Eigenheime, Wohnungen und weiteren Gebäude – von der PV-Anlage, über Abrechnungslösungen bis zur E-Mobilität. Dafür wollten wir entsprechende Lösungen entwickeln. Und mit der Innovationswerkstatt hatten wir die Möglichkeit, die sich ändernden Kundenbedürfnisse gemeinsam mit Kreativen zu bearbeiten, Methoden zu erlernen, Prototypen zu bauen und die neuen Angebote zeitnah auf den Markt zu bringen.

Busch: Unser Ziel ist es, Transformationen in Unternehmen, in der Verwaltung und anderen Organisationen mit Hilfe von Kreativschaffenden anzustoßen oder auch zu unterstützen. Dafür nutzen wir geeignete Veranstaltungsformate und Methoden, wie zum Beispiel Design Thinking, wobei wir unabhängig von der konkreten Aufgabenstellung auch immer darauf achten, Themen wie Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft, Klimaschutz miteinzubeziehen.

Busch: Über Kreative MV - Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern e.V. Das Netzwerk wurde von Kreativen und Kulturschaffenden aufgebaut. Es fördert im Rahmen von Projekten die Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern und macht sie sichtbar. Dabei kooperiert das Netzwerk mit Unternehmen verschiedener Wirtschaftszweige, den Kammern, Fördergesellschaften, Gebietskörperschaften und den Metropolregionen Hamburg, Stettin und der Baltic Sea Region. Kreative MV ist außerdem Teil des EU-Projekts „Creative Traditional Companies Cooperation“ und bietet neben Informations-, Netzwerk- und Matchmaking-Veranstaltungen auch Beratung und Fortbildungen an.

Busch: Ja, wir haben das Netzwerk damals mit aufgebaut. Ein Schwerpunkt der Projekte - und da kommen wir auf das gemeinsame Projekt von fint und den Stadtwerken Rostock zu sprechen - liegt im branchenübergreifenden Innovationstransfer. Dazu finden einwöchige Innovationswerkstätten „kreativprozesse.unternehmen.zukunft.“ statt, in denen Mitarbeitende aus Unternehmen, auch kommunalen Unternehmen wie den Stadtwerken Rostock sowie Behörden, mit Kreativschaffenden aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenkommen und während eines einwöchigen Design-Thinking-Prozesses Lösungen für bestimmte Aufgabenstellungen entwickeln.

Kasch: Richtig, die Stadtwerke Rostock hatten damals schon Kontakt zu Kreative MV und erhielten das Angebot, dieses Format zur Innovationsentwicklung zu nutzen. Dabei hatten wir dann auch die Gelegenheit, die Methode Design Thinking kennenzulernen. Die Methode basiert ja kurz gesagt auf der Annahme, dass Probleme besser gelöst werden können, wenn Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen zusammenarbeiten, …

Busch: … und in einem kreativitätsfördernden Umfeld gemeinsam Antworten auf eine Fragestellung entwickeln. Zur Vorbereitung der ersten Innovationswerkstatt hatte ich mich daher zunächst mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Vertrieb und Kommunikation der SWRAG darüber ausgetauscht, wie eine angemessene Fragestellung für dieses Kreativformat aussehen könnte.

Busch: Da gab es mehrere Punkte. Wichtig war zum Beispiel, eine gemeinsame Wertebasis zu schaffen. Die Voraussetzung für Kreativprozesse ist ja, dass alle Teilnehmenden gleichermaßen motiviert sind. Aber diese Motivation entsteht nur, wenn alle dieselbe Wertebasis teilen. Bei den Stadtwerken Rostock waren das die Themen Nachhaltigkeit und Region. Alle Ideen, die wir gemeinsam entwickelt haben, sollten einen Bezug dazu haben.

Ein weiterer wichtiger Punkt war der Lerneffekt für alle Beteiligten. Mit Hilfe des Formats „Innovationswerkstatt“ soll die Kreativwirtschaft ja zeigen, dass sie Innovationen in Unternehmen und Verwaltung initiieren und vorantreiben kann. Uns war es dabei sehr wichtig, dass die Mitarbeitenden des Unternehmens gemeinsam mit den Kreativschaffenden in diesen Prozess gehen, um sich bestimmte Methoden anzueignen und einen Lerneffekt davonzutragen. Darüber hinaus haben aber auch die teilnehmenden Kreativen von der Veranstaltung profitiert, indem sie erstmals einen Einblick in ein Unternehmen wie die Stadtwerke Rostock erhalten haben – einem großen Unternehmen, mit hierarchischen Strukturen und formalisierten Abläufen.

Busch: Wir hatten über unsere Social-Media-Kanäle und über unser Netzwerk dazu aufgerufen, sich zu bewerben. Aus 45 Bewerbungen haben wir dann 15 ausgewählt. Entscheidend waren Motivation und Professionalität der Bewerberinnen und Bewerber, und dass wir ein interdisziplinäres Team aufstellen konnten. Vielfalt ist ja die Grundlage von Innovationen. Es geht um die Kombination von bisher nicht Kombiniertem. Wenn ich immer die gleichen fachlichen Disziplinen und Hintergründe in einen Raum packe, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Neues entsteht, sehr viel geringer, als wenn ganz unterschiedliche Disziplinen aufeinandertreffen.

Bei der Innovationswerkstatt mit den Stadtwerken Rostock bestand unser Team unter anderem aus einem Designer, einem Architekten, einem Inter-Action-Designer, einer Bildhauerin, einem Musiker, einem Opernsänger, einem Fotografen, einer Industriedesignerin, einer Dekorateurin und einem Illustrator. Die haben dann jeweils ihre disziplinären Stärken eingebracht. Designer und Dekorateur konnten sich bei Gestaltungsfragen einbringen. Der Opernsänger wiederum hatte durch seine Arbeit an Opernhäusern Einblicke in verschiedene Organisationsformen.

Es gab aber durchaus auch Situationen, bei denen diese fachliche Disziplin überhaupt nicht weitergeholfen hat. Dafür wurde umso deutlicher, dass die Kreativschaffenden durch ihre Art, grenzübergreifend zu denken und zu fragen, eine wichtige Rolle spielten. Wenn die Mitarbeitenden der Stadtwerke zum Beispiel gesagt haben, das und das geht nicht, wurde eben gefragt: „Warum soll das nicht gehen? Ihr entscheidet doch, ob das geht oder nicht.“ Und dann hieß es irgendwann: „Stimmt! Es liegt an uns, das zu ändern.“ Dieses Aufbrechen von festgefahrenen Denkmustern hat sehr gut funktioniert.

Busch: Wir verstehen uns als ein Kollektiv, das sowohl unternehmerisch als auch gemeinnützig aktiv ist. Das Kernteam besteht aus zehn Personen. Das sind Menschen, die überwiegend freiberuflich unterwegs sind und zu Themen wie Design Thinking, Nachhaltigkeit, Stadtentwicklung, Journalismus, Organisation oder auch Projektmanagement arbeiten. Im erweiterten Netzwerk sind es 20, 25 Leute, die unter dem Dach von fint Aufträge bearbeiten. Wir arbeiten projektbezogen und in unterschiedlichen Konstellationen zusammen. Wir treiben auch Projekte voran, ohne dabei Geld zu verdienen, an die wir aber trotzdem glauben, weil sie eine gewisse gesellschaftliche Wirkung entfalten. Letztendlich müssen wir natürlich immer sehen, dass wir am Ende des Jahres plus minus null rauskommen.

Busch: Nein, das ist auch nicht unser Ziel. Alle im fint-Kollektiv sind in verschiedenen Branchen der Kreativwirtschaft freiberuflich tätig und leben von ihren Aufträgen. Durch fint ergeben sich aber natürlich zusätzliche projektbezogene Aufträge, wobei unsere Auftraggeber vor allem von unseren unterschiedlichen Kompetenzen und Erfahrungen profitieren.

Kasch: Verändert hat sich viel, vielleicht sogar mehr, als wir erwartet hatten. Konkret verändert hat sich zum Beispiel die Art und Weise, wie wir uns bestimmten Aufgaben nähern und in Projekten weiterentwickeln. Die Kolleginnen und Kollegen arbeiten inzwischen verstärkt bereichsübergreifend zusammen und identifizieren sich stärken mit den Themen. Das ist ein ganz direkter Effekt gewesen.

Was mich persönlich betrifft, kann ich sagen, dass sich meine Teamführung geändert hat. Ich leite mehrere Projekte bei den Stadtwerken und gehe inzwischen ganz anders mit den Teams um, setze andere Ziele und achte auf die Rollen, die jeder im Team hat. Das hat mich auch persönlich sehr verändert. Diese Erfahrung teile ich gerne mit anderen Kolleginnen und Kollegen.

Kasch: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass viele unserer internen Projekte jetzt erfolgreicher ablaufen. Und das liegt vor allem daran, dass wir in bereichsübergreifenden Teams zusammenarbeiten – und das sehr gut. Wir arbeiten effektiver und sparen dadurch Zeit und damit auch Geld.

Konkret zur Kundenzufriedenheit hat unser neues Webangebot beigetragen. Den Prototyp dafür hatten wir in der Innovationswerkstatt entwickelt und uns dabei eng an den Kundenwünschen ausgerichtet.

Busch: Ich habe dazu ein schönes Zitat, das uns im Rahmen einer Langzeitevaluation vom Leiter des Fachbereichs Markt SWRAG erreicht hat. Er schrieb: „Wir haben es (nach der Innovationswerkstatt) geschafft, in nur sechs Monaten aus dem Nichts eine Entscheidungsvorlage für den Vorstand zu erstellen - vom ersten Treffen bis zur Unterschrift. Das Feedback der Kunden war dabei schon berücksichtigt. Allein ohne dieses Feedback brauchten wir vorher schon ein bis eineinhalb Jahre. Wir haben daraufhin direkt unsere Projektmanagement-Richtlinie angepasst und methodisch erweitert.“

Kasch: Das mag sein, aber unserer Unternehmensleitung war sehr daran gelegen, neue Arbeits- und Kommunikationsprozesse in Gang zu setzen und dafür zu sorgen, dass diese auch nachhaltig in unserem Unternehmen wirken. Natürlich findet ein solcher Kulturwandel nicht von heute auf morgen statt. Aber wir haben sehr positive Erfahrungen mit kleinen Leuchtturmprojekten gemacht, die wir im Unternehmen umgesetzt haben und über die dann auch gesprochen wurde. Man braucht natürlich trotzdem Ausdauer. Einige unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mussten erst einmal über den eigenen Schatten springen, aber grundsätzlich sind doch alle sehr offen und positiv eingestellt.

Busch: Beim Einstieg in die Innovationswerkstatt gab es viel Gesprächsbedarf. Wenn ein Unternehmen wie die Stadtwerke drei Angestellte in Vollzeit eine Woche lang für eine Teilnahme an einem Workshop freistellt, ist die Erwartungshaltung natürlich hoch. Da muss man liefern und eine entsprechende Gegenleistung anbieten. Die Teilnehmenden stehen ja auch gegenüber ihren Kolleginnen und Kollegen unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Ich erinnere mich noch, wie einer der drei Teilnehmenden am zweiten oder dritten Tag in der Werkstatt sagte: „Meine Kollegen sagen, ihr macht da eine schöne Woche Urlaub im Öko-Hotel mit den Hippies.“ Wenn man diese Formate und die Arbeitsweise nicht kennt und dann auch noch hört, dass gemeinsam mit einem Architekten, einem Opernsänger und anderen Kreativen, Künstlerinnen und Künstlern strategisch-konzeptionelle Lösung entwickelt werden sollen, kommt natürlich schon die eine oder andere Frage auf.

Kasch: Das Gute war, dass es sich bei den teilnehmenden Kolleginnen und Kollegen um Abteilungsleiterinnen und -leiter aus dem Vertrieb und der Kommunikationsabteilung handelte. Die waren und sind in unserem Unternehmen gut vernetzt und haben über das, was in der Innovationswerkstatt erarbeitet wurde, sehr anschaulich und wiederholt berichtet. Ich habe selbst noch zwei, drei Jahre später erlebt, dass zu passender Gelegenheit sehr positiv über die Erfahrungen aus der ersten Werkstatt gesprochen wurde.

Stand: Juni 2021