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20.11.2023 -

„Der Deutsche Wirtschaftsfilmpreis war eine gute Möglichkeit, den Film einem neuen Publikum zugänglich zu machen und das Thema nochmal ganz anders zu platzieren.“ Interview mit Anna Stradinger, Filmemacherin

Einleitung

Anna Stradinger

Anna Stradinger

© Anna Stradinger

Im Oktober 2023 wurde die Filmemacherin Anna Stradinger mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis in der Kategorie New Talents (Filmnachwuchs) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz ausgezeichnet. Die Absolventin der Filmakademie Baden-Württemberg hat die Jury mit ihrem Film „Kratzer im Lack - Über die Spaltung der Belegschaft“ überzeugt. Im folgenden Interview erzählt sie, welche Bedeutung die Auszeichnung für sie hat, wie die Idee zu dem Film entstand und wie sie an der Filmakademie auf ihre berufliche Selbständigkeit vorbereitet wurde.

Frau Stradinger, zunächst einmal herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Deutschen Wirtschaftsfilmpreis. Was bedeutet die Auszeichnung für Sie?

Stradinger: Zum einen freue ich mich natürlich über die Öffentlichkeit, die der Film durch die Auszeichnung erhalten hat. Zum anderen ist das Preisgeld in Höhe von 20.000 Euro natürlich auch eine tolle Sache. So eine Finanzspritze ermöglicht einem als Filmemacherin oder Filmemacher auch rechercheintensivere Themen anzugehen, ohne dass man gleich einen Sender oder Förderinstitutionen mit an Bord haben muss. Man kann erst einmal selbst loslegen und recherchieren. Deswegen gewinnt man durch das Preisgeld schon eine gewisse Freiheit und Unabhängigkeit. Von daher werde ich das Geld jetzt erst einmal zur Seite legen und für einen neuen und längeren Film verwenden

Das Urteil der Jury des Deutschen Wirtschaftspreises lautet: „Es ist der Nachwuchsfilmemacherin Anna Stradinger gelungen, den Zuschauerinnen und Zuschauern einen tiefen Blick hinter die Kulissen zu gewähren. ‚Kratzer im Lack – Über die Spaltung der Belegschaft‘ steht exemplarisch für viele Konflikte in der Arbeitswelt.“ Worum geht es in Ihrem Film?

Stradinger: Der Film zeigt, wie der rechte Verein „Zentrum Automobil“ versucht, die IG Metall als größte Gewerkschaft abzulösen. Die IG Metall dagegen warnt vor dem „Zentrum“ als rechtspopulistischem Verein, der Kontakte bis in die rechtsextreme Bewegung pflegt. Wir haben dazu Betriebsräte sowohl von der IG Metall als auch vom „Zentrum“ bei ihrer Arbeit begleitet.

Sie sprachen gerade von „wir“. Wie kann man sich das Team vorstellen, das an der Produktion Ihres Films beteiligt war?

Stradinger: Ein Betriebsrat der IG Metall hat einmal zu mir gesagt: „Nicht das ‚Ich‘, das ‚Wir‘ ist entscheidend.“ Der Satz hat es nicht in den Film geschafft, trifft aber wohl nicht nur für die Gewerkschaftsarbeit, sondern auch fürs Filmemachen voll und ganz zu. Der große Vorteil an der Filmakademie ist, dass dort Studierende aller Gewerke vom Schnitt über Produktion bis hin zu Musik und Motion Design vertreten sind. Durch die Pandemie haben sich die Dreharbeiten sehr lange hingezogen. Im Team selbst waren auch ehemalige Studierende der Filmakademie. Ich würde sagen, für solch einen Film ist ein gutes Teamgefühl und ein enger Zusammenhalt entscheidend. Beides habe ich so erlebt, dafür bin ich sehr dankbar.

Nochmal zurück zum Wirtschaftsfilmpreis. Was war denn der Grund, dass Sie sich dafür beworben hatten?

Stradinger: Wir wollten damals vor allem, dass der Film ganz schnell veröffentlicht wird, damit er für alle, die das Thema betrifft, sichtbar ist und frei zugänglich ist. Wir haben also bewusst auf eine Festival-Auswertung verzichtet und den Film daher bei keinen Festivals eingereicht. Stattdessen war uns wichtig, dass der Film so schnell wie möglich auf YouTube landet, um möglichst vielen Menschen schnell zugänglich zu sein. Der Deutsche Wirtschaftsfilmpreis war dann in dem Kontext eine gute Möglichkeit, den Film einem neuen Publikum vorzustellen, zusätzliche Öffentlichkeit zu bekommen und das Thema nochmal ganz anders zu platzieren. Thematisch passte der Film ja gut zum Wettbewerb. Es geht um die Automobilindustrie, den größten Industriezweig Deutschlands, es geht um die größte Gewerkschaft Deutschlands, die IG Metall, es geht um Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, um Macht, um Einflusssphären und es geht darum, politische Mehrheiten zu gewinnen.

Würden Sie sagen, dass die Auszeichnung Sie auch beruflich als Filmemacherin ein Stück vorangebracht hat in dem Sinne, dass Produktionsunternehmen oder Sender auf Sie zukommen?

Stradinger: Es wäre natürlich schön, wenn das so funktionieren würde. Vielleicht kommt das noch. Die Preisverleihung liegt ja noch nicht so lange zurück.

Sie haben bereits während des Studiums immer wieder für öffentlich-rechtliche Sender gearbeitet. Wie sind Sie bei der Akquise vorgegangen?

Stradinger: Das lief eigentlich immer ganz klassisch über Anrufe, E-Mails oder Bewerbungsschreiben an die Produktionsfirmen oder Redaktionen in den Sendern, denen ich dann eine Idee für einen Film vorgeschlagen habe. Hilfreich waren da natürlich auch die vielen Kontakte, die ich durch die Filmakademie bekommen hatte. Und wenn man erstmal den Fuß in der Tür hat, ergeben sich daraus immer wieder auch Folgearbeiten.

Aber wie bekommt man am besten den Fuß in die Tür?

Stradinger: In meinem Fall war es so, dass ich Themen vorgeschlagen habe, für die ich wirklich gebrannt habe. Ich glaube diese Begeisterung hilft einem, Türen zu öffnen, statt dass man sich nur als Filmemacherin vorstellt, ohne etwas in der Hand zu haben.

Wurden Sie denn während Ihrer Ausbildung an der Filmakademie Baden-Württemberg auch auf die spätere berufliche Selbständigkeit vorbereitet?

Stradinger: Ja, auf jeden Fall. Die Filmakademie legt großen Wert darauf, dass man nicht einfach in die Selbstständigkeit oder ins Berufsleben hineinstolpert. Es gibt daher ein vielfältiges Kursangebote zu Themen wie Steuern, Finanzierung, der Künstlersozialkasse und so weiter. Außerdem trägt die Ausbildung dazu bei, dass man das notwendige Vertrauen in sich und die eigenen Filme aufbaut. Das ist für das spätere Standing in der Branche sehr hilfreich. Hinzu kommt, dass man an der Filmakademie die Möglichkeit hat, eigene Filmideen umzusetzen, wobei man in ständigem Kontakt mit den Dozenten und Dozentinnen steht. Das sind fast alles Menschen, die selbst hauptberuflich Filmschaffende, Autorinnen und Autoren, oder Journalistinnen oder Journalisten sind. Das ist natürlich eine unheimliche Bereicherung, nicht zuletzt wegen der vielen Kontakte, die man darüber bekommt.

Gibt es trotz der guten Vorbereitung auch Herausforderungen, die vielleicht nicht ganz so einfach zu bewältigen sind?

Stradinger: Ich habe insgesamt schon einen gewissen Respekt vor einer beruflichen Selbstständigkeit. Von daher bin ich ganz froh, gerade den komfortablen Status einer festen Freien mit festem Einkommen und Sozialversicherung zu haben. Ich stehe also aktuell nicht unter dem Druck, mich um all die organisatorischen Fragen kümmern zu müssen, die mit dem Weg in die Selbständigkeit verbunden sind, sondern kann mich auf meine Arbeiten als Filmemacherin und Journalistin konzentrieren. Das empfinde ich als großes Glück. Aber das kann irgendwann im Leben, oder wenn mein Vertrag ausläuft, natürlich ganz anders aussehen. Mir ist durchaus bewusst, dass ich als Selbständige dann einfach immer mit einer gewissen Unsicherheit leben muss.

Aber damit werden Sie gut leben können?

Stradinger: Das weiß ich nicht. Die Nagelprobe kommt vermutlich, wenn ich meine erste Krise erlebe und eine Auftragsflaute habe. Das war übrigens auch ein Thema an der Filmakademie, weil das natürlich alle Studierenden dort beschäftigt. Wir haben viel darüber gesprochen, wie man mit dieser Unsicherheit umgehen kann. Ich denke, der eigene Antrieb spielt da eine wichtige Rolle: dass man Filme machen und journalistisch arbeiten möchte. Solange der innere Antrieb da ist, kann man mit der Unsicherheit besser umgehen. Die ist dann nicht so dominant. Man hat diesen Motor, der einen immer weiter antreibt und immer wieder neue Türen öffnet.

Aber wenn dann doch eine Durststrecke kommt und man seine Themen nicht verkaufen kann und das notwendige Geld zum Leben nicht reicht, wird es natürlich schwer. Umso wichtiger sind Netzwerke, die einem in so einer Situation zur Seite stehen oder sogar dabei helfen, dass man gar nicht erst in ein berufliches Tief gerät. Ich habe daher schon an der Filmakademie angefangen, mich mit Netzwerken und Chat-Gruppen für Berufseinsteiger und Berufseinsteigerinnen zu vernetzen. Mit denen kann ich mich über alle möglichen Themen austauschen, sei es, wie man mit möglichen Durststrecken umgeht oder auch welches Honorar man verlangen kann. Das betrifft mich zwar aktuell als feste Freie nicht, aber wenn ich irgendwann auf mich allein gestellt sein sollte, ist es einfach gut zu wissen, dass es andere Filmemacherinnen und Filmemacher gibt, die ich mal eben anrufen und um ihre Einschätzung bitten kann. Ich bin der Überzeugung, dass ein solidarischer Austausch in dieser Branche sehr wichtig ist.

Stand: November 2023

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